Gruppenprozesse zwischen regressiver Polarisierung und kreativer Auseinandersetzung

Angela Moré, Christine Morgenroth & Nele Reuleaux

Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik • Band 32 (2026), 199–231

https://doi.org/10.30820/0938-183X-2026-32-199

CC BY-NC-ND 4.0

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Zusammenfassung: Der Beitrag geht zunächst auf einige Entwicklungen und Erkenntnisse der Gruppenanalyse ein, um mit deren Hilfe bestimmte Prozesse und Dynamiken in Gruppen besser verstehen und ggf. auch auf nicht geleitete Gruppen übertragen zu können. Im Anschluss hieran betrachten wir verschiedene gesellschaftliche Prozesse und Entwicklungen, die zu einer Verstärkung von Spaltungstendenzen in Verbindung mit einer zunehmenden Radikalisierung und politischen Verrohung geführt haben. Hier fragen wir nach den Ängsten und Bedürfnissen von Menschen in den zunehmend anonymisierten und immer komplexer werdenden Gesellschaften sowie nach den Verlockungen und verführerischen Potenzialen von populistischen Bewegungen und Parteien, die falsche Versprechungen machen, um vermeintliche Lösungen anzubieten. Um darauf Antworten zu finden, setzt sich der Beitrag dann mit der Bedeutung von Containment in der frühen Entwicklung und in bzw. für Gruppen auseinander. Gegen Ende des Beitrags ist darum die herausfordernde Frage, welche Veränderungen in der Gesellschaft und in den zwischenmenschlichen Beziehungen notwendig sind, um diese destruktiven Prozesse zu stoppen – und welche Potenziale in Gruppen(angeboten) liegen, die demokratisches Denken und selbstbestimmtes Handeln von Individuen (in Gruppen) fördern können.

Schlüsselwörter: Gruppenanalyse, Containing/contained, gesellschaftliches Unbewusstes, Matrix, soziale Isolation, Ich-Stabilisierung, Anti-Gruppe

Vergesellschaftung und Individuation in Gruppen: Freud – Elias – Foulkes

Menschen sind von Geburt an soziale Wesen, die in eine Gruppe hineingeboren und in dieser sozialisiert werden. Die primäre Gruppe, auf die sich das Kind beziehen kann und die es am Leben erhält, ist in der Regel die Familie, in manchen Kulturen die Großfamilie oder Dorfgemeinschaft. In diesem primären Bezugskontext entstehen die ersten Beziehungserfahrungen, aus welchen je nach Art derselben stabile und Sicherheit gebende oder instabile, evtl. auch mit Traumata belastete Bindungen entstehen. Dabei muss es sich nicht um die biologische Herkunftsfamilie handeln. Und auch, wenn es sich um ein Einzelkind eines alleinerziehenden Elternteils handelt, fließen dessen verinnerlichte Familienbeziehungen sowie weitere Erfahrungen in wichtigen sozialen Bezugsgruppen in die Interaktionen mit dem Kind ein. Der oder die Erziehende/n (environmental mother i. S. Winnicotts 1984, S. 96f.) vermittelt/n ihre Formen des Gruppenerlebens sowohl bewusst wie unbewusst an ihr/e Kind/er weiter. Alle kleineren Gruppen sind wiederum in umfassendere größere soziale Gruppenbezüge eingebunden bis hin zu gesellschaftlichen Großgruppen wie Staat, Religionen, gesellschaftliche Milieus oder Ethnien. Zu den fundamentalen soziokulturellen Grundlagen, die sich in Sozialisationsprozessen vermitteln, gehören die Sprache und die ihr inhärenten Deutungen der alltagsweltlichen Phänomene einschließlich der natürlichen und menschengemachten Umwelt.

Sozialisation umfasst somit die soziokulturell spezifischen Deutungen aller physischen, mentalen und kognitiven Erfahrungen und der mit ihnen verbundenen Entwicklungsvorgänge.

Massenpsychologie und Ich-Analyse: Freuds Skepsis gegenüber Großgruppen

Mit der historischen Epoche der Renaissance in Europa, noch verstärkt durch die im späten 17. Jahrhundert einsetzende Aufklärung, entstand ein zunehmendes Bewusstsein für menschliche Individualität. Dieses war verbunden mit dem wachsenden Anspruch, die persönliche Freiheit gegenüber autoritären Forderungen der Anpassung und Unterwerfung (im Besonderen vonseiten der Kirchen wie auch feudaler Obrigkeiten) zu entwickeln und zu behaupten. Dadurch trat das Bewusstsein für die Bedeutung von Gruppenbezügen zunehmend in den Hintergrund. Vielmehr erschienen große Menschengruppen und besonders ihre Artikulation in sog. »Massenbewegungen«, die infolge der zunehmenden Urbanisierung und Industrialisierung zu einer permanenten Erscheinungsform moderner Gesellschaften wurden, gerade den nach Individualität strebenden bürgerlichen Bildungsschichten eher suspekt, wenn nicht gar als bedrohlich. Solche Interpretationen fanden sich zunächst in der Massenpsychologie des französischen Soziologen Gustave Le Bon (2017 [1895]), der auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit den Revolutionsbewegungen in Frankreich 1848 und 1871 vor der Entfesselung der Gewalt durch den aus seiner Sicht »primitiven Mob« des vierten Standes, dem damaligen Proletariat, warnte. Diese Auffassungen gingen auch in die massenpsychologischen Überlegungen Sigmund Freuds (1921c) ein. Im Anschluss an Le Bons Psychologie der Massen (2017 [1895]) hatte Sigmund Freud (1921c) die regressiven und repressiven Tendenzen in Massenbewegungen psychodynamisch analysiert, ein Fokus, der von den Vertreter:innen des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main mit dem Blick auf die in Familien geprägte autoritäre Charakterstruktur weiter verfolgt und um verschiedene gesellschaftspolitische Aspekte ergänzt worden war (Adorno 1973 [1950], IfS 1936).

Aus einer kulturgeschichtlich-gesellschaftspolitischen Sicht ist allerdings nach den Bedingungen zu fragen, unter denen sich die Idee eines autonom agierenden, vernunftgeleiteten Individuums entwickeln konnte und welche Interessen mit dieser Fokussierung auf den einzelnen Menschen als Träger:in von Entscheidungen und Handlungsoptionen einher gingen. Analysiert man die damit verbundenen historischen Strömungen und Interessen, dann zeigt sich, dass die Idee des sich unabhängig entscheidenden und nach Selbstverwirklichung strebenden »Individuums« das Resultat komplexer gruppendynamischer Vorgänge in einem langen gesellschaftlichen Entwicklungsprozess ist, der sich zunächst auf bestimmte Regionen West- und Mitteleuropas beschränkte und sich von dort aus in anderen Kulturen mehr oder weniger stark ausbreitete. Mit anderen Worten: Das Postulat der Individuation ist selbst das Ergebnis historischer gesellschaftlicher Gruppenprozesse, welche die Vorstellungen, was Individualität bedeute und wie sie sich repräsentiere, in den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen und Verflechtungszusammenhängen entscheidend prägten und sich in gegenwärtigen Diskursen und Bewegungen fortsetzen. Zugleich aber sind Individualität und der Prozess der Individuation dadurch, dass sie aus Gruppenkontexten entstanden sind, nicht eine illusionäre Vorstellung, sondern das Ergebnis eines Differenzierungsprozesses der einzelnen Personen in der und durch die Gruppe: Erst, indem sich die Einzelnen mit anderen vergleichen und sich mit diesen über ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede austauschen, werden sie sich ihrer individuellen Besonderheiten wie auch dessen, was sie teilen, bewusst.

Die Wiederentdeckung des Sozialen durch Soziologie und Sozialpsychologie

Erst mit der Entstehung der Soziologie und der Sozialpsychologie im frühen 20. Jahrhundert kommt die konstituierende Bedeutung gesellschaftlicher Bezüge für die Entwicklung der Individuen wieder in den Blick. Gerade die Erfahrungen mit den Massenmanipulationen in faschistischen Systemen und im Nationalsozialismus machten deutlich, dass es bestimmter Bedingungen wie der autoritären Familien- und Gesellschaftsstruktur und anderer Voraussetzungen bedarf, um Menschen ideologisch zu beeinflussen. Dass es also von der Qualität menschlicher Beziehungen in Gruppen abhängt, ob Menschen sich narzisstisch verführen lassen oder bereits früh Empathie erfahren und dadurch selbst die Fähigkeit zur Einfühlung bzw. Mentalisierung erlangen. Der Begründer der psychoanalytischen Gruppenpsychotherapie, S. H. Foulkes (1948, 2024 [1971]) kam zu der Einsicht, dass neurotische Störungen durch Kränkungen in wichtigen Bezugsgruppen entstehen und es darum auch die Gruppe sei, die solche Erfahrungen wiederum korrigieren kann. Er entwickelte ein therapeutisches Setting, in welchem sich die kreativen und heilsamen Potenziale von Gruppen entfalten und dadurch zu gesundem Selbstbewusstsein und Individuation ihrer Mitglieder durch die und in der Gruppe beitragen können.

Foulkes, der zwei Jahre lang als Assistent des Neurologen Kurt Goldstein gearbeitet hatte, übertrug dessen Vorstellung von einem ganzheitlich vernetzt arbeitenden Gehirn, das eine neuronale Matrix bildet, auf die Beziehungen zwischen Gruppenmitgliedern und deren bewusste wie unbewusste Kommunikationen. Die durch Kommunikation hergestellten sozialen Beziehungsnetzwerke bezeichnet Foulkes (1974, 2024) als Gruppenmatrix. Dabei war auch der Einfluss des mit Foulkes befreundeten Soziologen Norbert Elias (1978 [1939]) von großer Bedeutung, der sich kritisch mit Vorstellungen vom Menschen als eines in sich abgeschlossenen Einzelwesens, dem Homo clausus (1991), auseinandersetzte. Dem stellt Elias das Bild einer in sich hochkomplex vernetzten »Gesellschaft der Individuen« gegenüber. Infolge einer historischen Entwicklung, in der Gesellschaften durch den Prozess der Nationbildung an Größe und Komplexität immer weiter zunehmen und darum auf Arbeitsteilung, Koordination und Organisation angewiesen sind, entstehen Elias zufolge immer weniger durchschaubare wechselseitige Abhängigkeiten der Individuen und sozialen Gruppen in ausgeprägten und weitverzweigten gesellschaftlichen Beziehungen. Elias bezeichnet diese als Interdependenzverhältnisse, die die Regulierung von Macht und Herrschaftsstrukturen durch Rechtsverhältnisse erfordern, welche sich wiederum auf Arbeits- und Beziehungsstrukturen auswirken und zu spezifischen gesellschaftlichen (Kon)Figurationen, aber auch spezifischen Konfliktkonstellationen führen. Demokratisierungsansprüche und -prozesse sind ein Teil derselben, sie werden zugleich aber immer wieder von Herrschaftseliten und Vormacht beanspruchenden Subgruppen infrage gestellt oder gar außer Kraft gesetzt. Die im Vergesellschaftungsprozess erzwungene

Selbst- und Affektkontrolle führt gerade dort, wo sie mit gesellschaftlichen Unterdrückungsprozessen einher geht, zu Ambivalenzen oder auch Widerständen und ggf. zu mehr oder weniger aggressiv ausgetragenen Konflikten. Der von Elias untersuchte Prozess der Zivilisation (1978 [1939]) verläuft somit nicht eindimensional, sondern in beständigen Spannungsdynamiken in und zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die sowohl die Individuen wie die verschiedenen Subgruppen und immer wieder auch die Gesellschaften als Ganze erfassen. Dabei sind die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen beeinflusst von ökonomischen, staatlichen, religiös legitimierten und anderen Machtstrukturen, in welchen Gruppen um Anerkennung, Integration und Gleichberechtigung oder aber um Kontrolle, Machterhalt und Vorrechte ringen. Geht die in Gruppen und in der Gesellschaft insgesamt geforderte Trieb- und Affektkontrolle mit dem von Freud thematisierten Unbehagen in der Kultur (1930a [1929]) einher, kann es leicht auch zu regressiven antizivilisatorischen Bestrebungen kommen, die sich mit der Rekonstituierung alter Machtkonstellationen und Vorrechte verbinden. Sie gehen einher mit der schon von Horkheimer und Adorno (1969) wie auch von Elias (1978) erkannten Angst vor Modernisierungsprozessen bzw. entsprechen einer Tendenz zur Antimodernität.

Die gesellschaftliche Entzivilisierung durch die nationalsozialistische Machtübernahme und ihre Folgen erlebten sowohl Elias wie auch Foulkes, die beide 1933 – ebenso wie der aus Ungarn stammende Soziologe Karl Mannheim, bei dem Elias Assistent gewesen war und der unter anderem zur Bedeutung von Gruppen in pädagogischen Kontexten (1952 [1939]) geforscht hatte (vgl. Moré 2015, S. 191ff.) – ins englische Exil gehen mussten, wohin Freud 1938 folgte. Die vor allem von Foulkes dort entwickelte gruppenpsychoanalytische Behandlungsmethode und seine daraus abgeleiteten theoretischen Erkenntnisse ermöglichen es, bestimmte Prozesse, die sich in allen Arten von Gruppen vollziehen, besser verstehen zu können. Dies gilt insbesondere für seine Erkenntnis, dass sich die Entwicklung des Individuums immer in und durch Gruppen vollzieht und die Entwicklung des einzelnen Menschen und seine individuellen Fähigkeiten davon abhängen, dass dies durch die jeweiligen Gruppenbezüge gefördert wird. Ferner wurde durch seine Arbeit deutlich, dass sich in jeder Gruppe ein Netzwerk von bewussten wie unbewussten Beziehungen – die bereits erwähnte Gruppenmatrix – ausbildet. Dabei unterscheidet Foulkes zwischen der Grundlagenmatrix, die auf geteilten basalen Interpretationen der Lebenswelt beruhen und sich daher nur äußerst langsam verändert. Dem gegenüber entwickelt sich innerhalb jeder bestehenden Gruppe eine Dynamik der Beziehungen, die im hier und jetzt entstehen und sich permanent verändern und weiterentwickeln, die sog. dynamische Matrix (Foulkes 2024 [1971], S. 320f.). Auf psychischer Ebene entwickelt sich aus beiden in jedem Menschen eine personelle Matrix, die in ihren unbewussten Anteilen eher statisch ist, aber auch erfahrungsbezogen viele dynamische Lern- und Entwicklungsprozesse zulässt.

Das Potenzial einer nicht durch Machtstrukturen geprägten, sondern auf Sicherheit, Respekt und Verständigung basierten Gruppe besteht darin, unbewusste oder verdrängte Konflikte und ihre emotionalen Anteile bewusst werden zu lassen und zu integrieren. Die Gruppe hat nach Foulkes die Aufgabe und Möglichkeit, die durch kommunikative Störungen erzeugten (»neurotischen«, heutzutage als strukturell bezeichneten) Beeinträchtigungen rückgängig zu machen bzw. blockierte Entwicklungen nachträglich zu ermöglichen. Darin wird auch die in der Gruppenanalyse entwickelte Vorstellung von der Beziehung von Individuum und Gesellschaft deutlich, die über den auf intrapsychische Konflikte konzentrierten Subjektansatz der (klassischen) Psychoanalyse hinaus geht. Dem gruppenanalytischen Blick auf das Geschehen in Gruppen als menschlichen Gemeinschaften liegt in der Quintessenz eine Sozialphilosophie des Menschen als eines in jeder Hinsicht sozialen Wesens zugrunde. Und zugleich die Erkenntnis, dass die soziale Bezogenheit aufeinander in Gruppen zum einen die Ursache von Kränkungen und Störungen sein kann, aber zugleich der Ort der heilsamen Lösung aus verinnerlichten Verstrickungen. In der neueren Entwicklung der Psychoanalyse hin zu einem relationalen Verständnis der Bedeutung interaktiver Beziehungen nähern sich das Menschenbild von Gruppen- und Psychoanalyse wieder stärker an. Allerdings hatte Freud selbst die enge Verbindung von Psychoanalyse und Gesellschaft und damit von Individual- und Sozialpsychologie stets betont, gerade auch in seiner Einleitung zu Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921c, S. 73; s. a. Stehr 2022, S. 85).

Unbewusste Gruppenprozesse und das gesellschaftliche Unbewusste

Der Abwehr dienende Grundüberzeugungen in Gruppen nach Bion und Hopper

In Gruppen trifft das Unbewusste der verschiedenen Teilnehmer:innen, das mit den verinnerlichten unbewussten Wünschen, Beziehungsmustern und Konflikten ihrer Herkunftsgruppen verwoben ist, auf ein jeweils entsprechend komplexes Unbewusstes der anderen – und dies auf dem Hintergrund gesellschaftlich unbewusster Fantasien und Gefühlserbschaften, die in der Regel auch kollektiv bedeutsame Traumata beinhalten. Das Auftauchen bisher unbewusster Anteile wirkt, wie schon Freud erfahren und erforscht hatte, verunsichernd oder gar beängstigend und löst daher Widerstände aus. Zudem kommt es regelmäßig zu wechselseitigen Projektionen und Identifikationen sowie zu Reinszenierungen der eigenen Familienerfahrungen in der Gruppe. Die damit einher gehenden wechselseitigen Übertragungsprozesse können in professionell geleiteten (therapeutischen oder Selbsterfahrungs-)Gruppen bewusst und dadurch bearbeitbar und allmählich integriert werden.

Drei Varianten gruppenspezifischer Widerstände hatte der englische Gruppenanalytiker Wilfred Bion (1971), der zum Ende des Zweiten Weltkriegs in England an derselben Klinik wie Foulkes tätig war, erkannt und als der Abwehr dienende unbewusste Grundannahmen in Gruppen identifiziert: entweder die Entwicklung einer regressiven Versorgungserwartung gegenüber der Gruppenleitung oder die Entwicklung paranoider Fantasien in Verbindung mit einem Kampf- oder Fluchtverhalten oder drittens die Hoffnung auf Rettung durch eine Paarbildung in der Gruppe, die etwas erlösendes Drittes hervor bringen könnte. Es handelt sich dabei um unbewusst auftretende Gruppenfantasien, die der Vermeidung des Auftauchens von abgewehrten Inhalten im Unbewussten dienen.

Im Anschluss an Bion erkannte Earl Hopper (2023) eine weitere unbewusste Grundannahme, die in solchen (Groß-)Gruppen zu finden ist, in welchen alle oder ein größerer Teil der Gruppenmitglieder unverarbeitete traumatische Erfahrungen mitbringt.1 Die unbewusste Fantasie geht in den davon betroffenen Gruppen zurück auf das gerade bei Traumatisierten zu findende große Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz in der Verschmelzung, das aber an dem durch das Trauma zerstörten Grundvertrauen in andere wie auch in sich selbst (Verlust von Kohäsion) scheitert, sodass die Erfüllung des Bedürfnisses nach Halt und Geborgenheit dann mithilfe von destruktiver narzisstischer Abwehr und der Mobilisierung eines traumaspezifischen Introjekts verhindert wird. Zunächst geht Hopper auf die Bedeutung sehr früher Objektverluste ein, die nach seiner Auffassung vor allem darum traumatisch wirken, weil sie mit einem Verlust des Selbst bzw. einer Blockierung der Selbstentwicklung einher gehen. Dies entspricht der Theorie Daniel Sterns (1992) über die Entwicklung des Selbst, welches sich in seinen Entwicklungsphasen jeweils nur in der Bezogenheit zu einem Objekt herstellen könne. Denn das Selbst kann sich nach Stern in seinen verschiedenen Entwicklungsphasen nur bilden und wahrnehmen in seiner Bezogenheit zu einem Anderen (= Objekt). Mit der Erfahrung von Resonanz, Interaktion und Versorgung wird nicht nur das Objekt, sondern auch die Wahrnehmung des eigenen Selbst erst bedeutsam, d. h., die Wahrnehmung des Selbst (sense of self) und die Wahrnehmung des Objekts (sense of other) bedingen sich wechselseitig. Auch Winnicott war von der Bedeutung der wechselseitigen Bezogenheit von Subjekt und Objekt ausgegangen, wie Auchter (2024, S. 38) hervorhebt.

Auswirkungen von (kollektiv geteilten) Traumata auf den Gruppenprozess

Für Hopper (wie schon für Winnicott) sind Mutter-Kind-Beziehungen jedoch niemals isolierte individuelle Beziehungen, sondern eingebettet in und bestimmt durch soziale Situationen, die sich auf das soziale Unbewusste aller Mitglieder einer sozialen Umgebung auswirken. Entsprechend haben Hopper zufolge Traumatisierungen, die von einer mehr oder weniger großen Anzahl einer Gruppe geteilt werden, auch Auswirkungen auf das soziale Unbewusste von (Groß-)Gruppen. Denn schwere Traumatisierungen haben auch im späteren Leben massive Auswirkungen auf das Gefühl der Selbstkohärenz und des Objektvertrauens und wirken sich damit auf die späteren Beziehungen zu den Mitmenschen einschließlich der eigenen Nachkommen aus. Dies gilt insbesondere, wenn die Traumatisierungen das Resultat der beabsichtigten Bedrohung und Beschädigung durch andere sind (man made desasters). Sie können, wie aus anhaltenden Misshandlungen, Missbrauch, Folter, Verschleppung, genozidalen Gewaltverbrechen etc. bekannt ist, zur Entleerung des Selbst und einem Verlust des Selbst- und Weltvertrauens führen, das auch den Verlust des Vertrauens in andere Menschen bzw. in das Gute im Menschen per se bedeuten kann. Um die daraus entstandenen psychotischen Vernichtungsängste abzuwehren, kommt es nach Hopper zu Prozessen der Spaltung und Fragmentierung und schließlich zu einer Einkapselung der Gefühle, die mit der Ausbildung einer »hartschaligen und formlosen Charakterstruktur« (chrusteacean character structure, ebd., S. 14 u. 32) einher geht, die vor weiterer Bedrohung schützen soll. Zugleich tauchen regressive Wünsche nach verschmelzender Nähe auf in Verbindung mit einer Entdifferenzierung von Subjekt und verlorenem Objekt, die auch die Verwechslung von Selbst- und Objektaspekten zur Folge hat. Das Oszillieren zwischen Verschmelzungswünschen und psychotischen Ängsten vor Vernichtung führt zu einem Verlust der Kohäsion. An deren Stelle tritt die Flucht in »Aggregation« (dem bindungslosen Zusammenschluss von Einzelnen) oder in eine »fusionäre Massifizierung« (ebd., S. 32ff.), in welcher die Beteiligten ihre Individualität durch Verschmelzung in der Masse aufgeben. Nach Volkan handelt es sich dabei jedoch nicht um typische Großgruppenphänomene, sondern um eine Großgruppenregression angesichts von (realer oder fantasierter) extremer Bedrohung (zit. n. Stehr 2021, S. 89).

Für therapeutische Gruppen sieht Hopper trotz der enormen Herausforderungen, welche mit der Bearbeitung von Traumata in Gruppen verbunden sind, die Chance, diese zum Zweck der Abwehr in der Gruppe entwickelte Grundannahme für die weitere Entwicklung des Gruppenprozesses zu nutzen. Zumal mit dem Wunsch nach Aggregation oder Massifizierung bestimmte Rollen verbunden sind, die auf die Betroffenen eine gewisse Sogwirkung haben und sie dadurch in der Gruppe sichtbar und bearbeitbar machen – so z. B. die Rolle des einsamen Wolfs, des Anfeurers oder des charismatischen Anführers (ebd., S. 29). Hopper teilt mit Foulkes die Überzeugung, dass Kommunikation in der dynamischen Gruppenmatrix das entscheidende Mittel zur Heilung der letztlich immer in Gruppen und durch diese verursachten Störungen sei (Foulkes 1974, S. 33f.). Dabei spielt vor allem auch die nonverbale und bewusst oft nicht beachtete Kommunikation eine entscheidende Rolle. In der therapeutischen Gruppe ist entscheidend, einen sicheren Rahmen zu schaffen, durch den in der sich herstellenden Gruppenmatrix möglichst viele Erfahrungen des Selbsterlebens in der Bezogenheit zu den anderen thematisiert werden können. Dies trägt dazu bei, die von den Teilnehmenden erlebte und häufig auch real inszenierte psychosoziale Isolation zu durchbrechen.

Traumatisierungen und ihre Folgen für Großgruppen bzw. Gesellschaften

Hopper stellt aber auch die Frage, was schwere Traumatisierungen, die eine größere Anzahl von Menschen in Gruppen betreffen oder eine Großgruppe in ihrer Gesamtheit, in diesen Gesellschaften bewirken. Er geht davon aus, dass sich in allen Gruppen ein gesellschaftlich geteiltes Unbewusstes (social unconscious) bildet, das permanent dynamisch wirksam ist und sich dementsprechend permanent neu figuriert. Dies entspräche einer auf Großgruppen bezogenen dynamischen Matrix nach Foulkes, die auf der kulturell geteilten Grundlagenmatrix aufbaut, wobei letztere sich durch solche massiven Dynamiken mehr oder weniger schnell und deutlich verändert (vgl. Scholz 2022). Hopper betont, dass jedes Individuum zutiefst von dem gesellschaftlich geteilten Unbewussten durchdrungen ist und verschiedene Aspekte desselben in sich trägt und repräsentiert (vgl. Hopper & Weinberg 2011, 2015, 2017).

Dies deckt sich mit der Annahme von Foulkes, dass individuelle Störungen nicht nur die Folge familialer Geschicke sind, sondern immer zugleich das Resultat sozialer Bedingungen und Prozesse. Entsprechend zeigen sich in Gruppen Wünsche nach Einheit und Verschmelzung bzw. Zugehörigkeit zu größeren Einheiten, insbesondere in nationalistischen, religiösen oder ethnischen Identifikationen, die mit Idealisierungen der »Wir«-Gruppe bei gleichzeitiger Abwertung nicht dazugehörender Individuen und Gruppen einher gehen. Dies gilt umso mehr, wenn die eigene Gruppe scheinbar oder tatsächlich bedroht wird (vgl. Volkan 1999, 2005). Dann kann es schnell zu einem Umkippen in ein quasi-paranoides Szenario kommen, in welchem diejenigen, die qua Projektion zu den Bedrohenden gemacht werden, ihrerseits nun durch geängstigte gesellschaftliche Gruppen oder die Gesamtgesellschaft bedroht werden.

Der Versuch, den Anstieg von rechtsradikal motivierten Gewalttaten zu verstehen, oder auch nur die Zunahme des sog. »Hass-Sprech« in den sozialen Medien, kann letztlich nur erfolgreich sein, wenn die Analyse aus unterschiedlichen Blickrichtungen erfolgt (vgl. Otto 2019). Die psychoanalytische Perspektive, dass die Erschaffung von Feindbildern auch mit innerpsychischen Prozessen zusammenhängt und schließlich der konstruierte Feind eine Projektionsfläche darstellt, auf die alles Unliebsame (Eigene) projiziert wird, ist dabei nicht neu. Beland (2020, S. 141f.) fast dies mit der knappen Feststellung »Projektionen sind Selbsterkenntnisse an anderen« zusammen und zitiert im Anschluss daran die Annahme Bions: »Die Gesellschaft hat noch keinen Drang nach Behandlung ihrer psychischen Störungen mit psychologischen Mitteln verspürt, weil sie noch keine Einsicht in die Natur ihres Leidens gewonnen hat« (Bion 1961, zit. n. Beland, ebd.).

Das Verbot der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial 2021 und die radikale Verweigerung des russischen Herrschaftsapparats wie auch großer Teile der russischen Gesellschaft, sich mit der eigenen Geschichte umfassend und kritisch auseinander zu setzen, wäre so in Deutschland (aktuell) nicht mehr vorstellbar. Jedoch ist die Sorge, dass es wieder soweit kommen könnte, nicht unberechtigt. Denn angesichts wiedererstarkender Ideologien, in denen Menschenrechte bedeutungslos und Gewalt gegen Andersdenkende legitim erscheinen, entsteht eine Sprache des Hasses und der Entwertung, die in den verschiedensten Diskurfeldern (einschließlich des Schulhofes) sehr deutlich hör- und spürbar geworden ist (Melzer et al. 2015). Dass gerade Kinder das soziale und politische Klima eines Landes mit einem seismografischen Gespür aufnehmen und dementsprechend agieren, wird von den Erwachsenen häufig ausgeblendet oder in seiner Wirkung verharmlost. Was eine nicht »haltende Mitwelt«, angefangen in der Familie bis hinein in die staatlichen Institutionen, anrichtet, wenn Leiden nicht zugelassen, sondern sanktioniert werden, benennt Fonagy (2002, S. 312) deutlich:

»Das Kind, das keine erkennbaren, modifizierten Bilder seiner affektiven Zustände aufgenommen hat, wird später Schwierigkeiten haben, Wirklichkeit von Phantasie und körperliche von psychischer Realität zu unterscheiden, also eher auf einen instrumentellen (manipulativen) als auf einen signalorientierten (kommunikativen) Gebrauch von Affekten festgelegt sein«.

Dies wirft die Frage auf, ob die Attraktivität von Gruppenbildungen, in denen es um Einheitlichkeit suggerierende und rigide, antidemokratische Vorstellungen fördernde Strukturen und damit um einengende persönliche Lebensentwürfe geht, sich (auch!) aus der Einschränkung mentaler bzw. psychodynamischer Entwicklungsmöglichkeiten ergibt. Einengungen der Entwicklung zur eigenen Identität, einschließlich der sexuellen Orientierung, sind gekennzeichnet von mangelnder Ambivalenzfähigkeit und fehlender Ambiguitätstoleranz; der einzige Weg zur Stabilisierung eines nur vagen Gefühls vom Selbst gelingt dann nur noch über die Bildung von Ressentiments als Ausdruck der projektiven Abwehr abgelehnter bzw. nicht integrierter Selbstanteile. Mittels projektiver Identifikation (Klein 1962 [1946]) werden sie an denjenigen, auf welche diese Aspekte projiziert werden, schließlich bekämpft. Eine dynamische Selbstentwicklung wird eingeengt, wenn nicht sogar verworfen. Von Aussteigern aus rechtsextremen Gruppierungen kann man erfahren, dass die nach außen agierte Gewalt nach ihrer Erfahrung zugleich auch eine nach innen, in die eigenen Gruppierung hinein gerichtete ist und auf den sich nicht unterwerfenden Einzelnen abzielt. Was intrapsychisch passiert, ist ganz ähnlich dem Prozess der subjektiven Verarmung des misshandelten Kindes. Fonagy (2002) schreibt über die Folgen von emotionaler Vernachlässigung wie körperlichen Misshandlungen:

»Konfrontiert mit der böswilligen Intention der Bezugsperson, kann das Kind sich nur schützen, indem es alle Vorstellungen über Gefühle und Gedanken in Anderen und in sich selbst aus seinem Bewusstsein verbannt. Das misshandelte Kind wird so lernen, Gedanken zu fürchten und Wissen über seinen inneren Zustand zurückzuweisen« (ebd., S. 312).

Über »böswillige Intentionen« der Bezugspersonen kann man ohne Schuldzuweisung nachdenken, wenn man auch hier an die verheerenden Auswirkungen unbewusster, nicht zugelassener Affekte oder auch psychisch fortwirkende Traumata der Bezugspersonen des Kindes denkt, die Neid, Hass, pathologischen Narzissmus und Gewalt hervorbringen können. Durch unbewusste transgenerationale Weitergabe unverarbeiteter Traumata und das Selbstgefühl untergrabender massiver Schuld- und Schamgefühle gelangen diese als Gefühlserbschaften in die nächste(n) Generation(en). Formen aggressiv entwertender Ausgrenzungen in Verbindung mit projektiver Identifikation finden sich in allen Formen von Rassismus, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit oder auch in den verschiedensten Varianten von Antisemitsmus und sind in allen Gesellschaften bei jenen Gruppen zu finden, die sich als marginalisiert oder in ihrem sozialen Status bedroht fühlen.2

Hyper-Komplexität der gegenwärtigen Situation und Orientierungsbedarf

Reaktionäre Tendenzen und Rückzug ins Private

Diese zuvor genannten Zusammenhänge tragen wesentlich mit dazu bei, dass das politische Klima in vielen Ländern sowohl der »westlichen Hemisphäre« wie auch in einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, allen voran in Russland (vgl. Moré 2024), durch rückwärtsgewandte, nationale, nationalistische und auch faschistische Kräfte geprägt ist. Sowohl die Großmächte USA und Russland wie auch zahlreiche andere Länder vernachlässigen die globale Perspektive und orientieren ihr politisches Handeln vorrangig auf die nationalen Belange. Das bedeutet in jenen (v. a. westlichen) Ländern, die über sozialstaatliche Errungenschaften verfügten, eine oft erhebliche Reduktion derselben. Und es bedeutet vor allem eine anhaltende und zunehmende Gefährdung der Sicherheit von Menschen unterschiedlicher religiöser, ethnischer und kultureller Herkunft. Gerade in den demokratischen Gesellschaften verleugnen diese ausgrenzenden Einstellungen leichtfertig die faktische Bedeutung dieser umfangreichen, gefährdeten Gruppe für diese Gesellschaften; in wachsender Zahl fühlen sich viele Menschen nicht mehr sicher. Das gilt ebenso für Menschen der zahlenmäßig zunehmenden Gruppe, die sich den LGBTQIA+ zugehörig fühlen. Entlang den Entwertungslinien Klasse, Geschlecht und Ethnie werden insbesondere von rechtskonservativen bis rechtsextremen Gruppierungen Bedrohungsszenarien formuliert, die sich wechselseitig, intersektionell verstärken. Zu den Motiven und Abwehrmechanismen bei den Angehörigen solcher Gruppen wurde weiter oben bereits einiges gesagt. Aber es handelt sich nicht nur um individuelle Phänomene, sondern um gesellschaftliche Dynamiken und strukturelle Bedingungen, die diese individuellen Phänomene mit hervorbringen und gerade auch durch Großgruppenprozesse verstärken.

Dem gegenüber stehen Neigungen zu Passivität und der Rückzug ins Private (auch Ignorieren von Nachrichten) und andere Formen der Vermeidung von politischem Engagement und Verantwortungsübernahme. Dies ist, psychologisch betrachtet, ein typisches Verhalten, wenn Menschen überfordert sind und Angst vor der Zukunft haben. Seit Langem ist zu beobachten, dass die beunruhigende gesellschaftliche Situation und die Gefährdung des Planeten, also die Zerstörung aller Lebensgrundlagen, viele Menschen sehr belastet und besorgt macht. Angesichts dieser höchst komplexen Gesamtlage gibt es keine einfachen Antworten, Auswege und Lösungen. Das führt zu einer wachsenden Tendenz, der ängstigenden Hyperkomplexität auszuweichen, weil sie die Möglichkeiten eines Einzelnen, die gesellschaftliche Lage vollständig zu erfassen, grundsätzlich übersteigt. Die Folge sind Vermeidungsstrategien, psychologische Abwehrmechanismen, die helfen sollen, die Hilflosigkeit und Angst zu reduzieren oder ihre Wahrnehmung gänzlich zu unterbinden. Letzteres wird durch eine Verleugnung von Tatsachen erreicht, die damit der bewussten Wahrnehmung entzogen und in die nichtbewussten mentalen Räume verbannt werden. Wenn das geschieht, werden diese ängstigenden Sachverhalte psychisch nicht mehr als existent erlebt und damit nicht mehr verhandelbar. Eine Reduktion von Angst und Hilflosigkeit wird andererseits auch dadurch erreicht, dass den realen Fakten die Bedeutung entzogen oder diese verringert wird (»Es wird schon nicht so schlimm werden …«). Es ist eine menschliche Fähigkeit, sich vor drohendem Unheil und überwältigender Angst durch diese Formen der Abwehr zu schützen. Geschieht das dauerhaft, hat es jedoch negative Folgen. Die Realitätswahrnehmung erfolgt nur noch verzerrt, die Urteilskraft ist eingeschränkt, die kognitiven Fähigkeiten sind eingetrübt. Der Zustand gleicht dann dem des Kaninchens vor der Schlage, der zu Angststarre und Totstellreflex führt. Das Kaninchen könnte wegrennen, es wäre gewiss schneller, aber in seiner Angst bleibt es unbeweglich und wird so zum leichten Opfer des Angreifers. Wenn nun diese Verhaltensweisen als individuelle Reaktionen erscheinen, so zeigt ihre große Verbreitung – insbesondere seit der Coronapandemie – dass es sich auch hierbei um unbewusst geteilte Massenphänomene handelt, die sich auf überwiegend nicht verbalisierte Weise in verschiedenen gesellschaftlichen Subgruppen verbreiten.

Diese Form der verleugnenden oder entstellenden Abwehr führt dazu, dass ein nicht geringer Prozentsatz der Verunsicherten und sich abgehängt Fühlenden denjenigen falschen »Propheten« folgt, die extrem vereinfachte Lösungen versprechen (»Ausländer raus, Grenzen schließen, EU verlassen« etc.). Diese Positionen besitzen dadurch Anziehungskraft, dass sie Komplexität reduzieren bis hin zu betrügerischen, oft gewaltprovozierenden Falschbehauptungen. Die Verbreiter solcher Fakes erwarten Gefolgschaft und bilden Gesinnungsgemeinschaften, bieten dafür aber Zugehörigkeit zu einem wichtigen, größeren Zusammenhang an. Zudem stehen dominante Führungspersönlichkeiten als Modelle zur Verfügung, um sich mit ihnen und ihren Positionen und Werten zu identifizieren. Das entlastet ihre Gefolgschaft von persönlicher Verantwortung und delegiert alle heiklen ethisch-moralischen Fragen an dieses »Führungspersonal«.

Diese gesellschaftliche Entwicklung lässt sich als Erosionskrise beschreiben (vgl. Negt 2012). Damit ist eine Situation charakterisiert, in der bekannte und Halt gebende Strukturen und Wertvorstellungen in Auflösung begriffen sind, neue aber noch nicht verlässlich gewonnen wurden. Es fehlt eine überzeugende demokratische Perspektive für die Zukunft. Wir würden heute von einem bislang noch nicht entwickelten alternativen Narrativ sprechen, in dem die Geschichte einer gegenwärtigen und zukünftigen sozialen Lebensform erzählt wird. Auch sei auf Émile Durkheim (2008 [1897]) verwiesen, der mit dem Begriff der Anomie sehr viel früher gesellschaftliche Desintegration beschreibt, die zu Angst und Unsicherheit führt, die, wie er bereits erkannte, u. a. deutlich steigende Suizidraten zur Folge hat.

Gesellschaftliche Erosion und die Bedeutung der social media

In Zeiten einer tiefgreifenden Erosionskrise verändern sich die sozialen Strukturen. Um nur einen dieser Aspekte herauszugreifen: Menschen sind weitaus weniger eingebunden in soziale Institutionen, in denen ein Austausch stattfindet, direkte Begegnung möglich ist und auch Orientierung gebende Positionen diskutiert werden können. Mitgliedschaften oder Orientierung an Gewerkschaften und Bindung an eine der großen Kirchen, um zwei prägnante Beispiele zu nennen, lassen rapide nach; der Rückzug ins Private (cocooning) und die Lebensform als Einzelperson nehmen ebenso rapide zu. Hinzu kommen, durch die Coronakrise noch erheblich vorangetrieben, weitere Tendenzen zur Individualisierung besonders im Bereich der Erwerbsarbeit. Die Zahl der traditionellen Arbeitsplätze sinkt stetig und immer mehr Arbeitstage werden, weil die technologischen Möglichkeiten dazu bestehen, im Home-Office verbracht. Kurzgefasst: Menschen begegnen sich immer seltener auf direktem Weg, aber intensivieren ihr gesellschaftliches Leben und ihre sozialen Bedürfnisse in wachsendem Umfang im digitalen Raum. Die Möglichkeit zu direkter Begegnung verliert ihre Bedeutung, die Zeit, die an Bildschirmen verbracht wird, steigt in beunruhigendem Umfang an. Das cocooning findet gerade auch im medialen Raum statt und erzeugt zugleich die Illusion von sozialer Resonanz, indem auf spezifische Anfragen ein Vielfaches an Angeboten derselben Art erfolgt oder eigene Botschaften im Netz durch eine große Anzahl von Likes bestätigt werden. Eine möglichst große Anzahl von Followern im Netz zu haben oder aber selbst Follower in einer großen virtuellen Community zu sein, setzt an die Stelle realer Bezüge, in welchen ein authentischer emotionaler Austausch möglich wäre, das subjektive Gefühl von Zugehörigkeit zu einer wachsenden Gruppe Gleichgesinnter. Die Tendenz zu einer suchtartigen Abhängigkeit von diesen medialen Formen des Austauschs ist aber die Folge einer nicht real erlebten interpersonellen Beziehung, die alle Dimensionen menschlicher Interaktion einbezieht. Das dabei wachsende Gefühl von Einsamkeit und Leere wird durch intensivere Nutzung der social media zu kompensieren versucht. Gerade aber bei denjenigen, bei denen die verleugneten Empfindungen von Isolation, Beziehungslosigkeit und Sinnverlust sich dadurch verstärken, machen sich Wut, Verzweiflung, Neid und Hass auf »die Anderen« breit und werden entweder über diese Medien oder aber irgendwann auch real ausagiert.

Welche Folgen zeigt die zunehmende Vereinzelung im Bereich des sozialen Miteinanders?

Kurzgesagt: Es gibt immer weniger Möglichkeiten, in der unmittelbaren Begegnung mit anderen sich auszutauschen, sich mit neuen Gedanken und ihrer Bedeutung auseinanderzusetzen, sich emotional aufgehoben und gehalten zu fühlen in einem vertrauten Sozialraum. Das Bedürfnis danach, sich in der direkten Begegnung mit anderen als soziales Wesen fühlen zu können, bleibt oft unbeachtet und ungestillt. Häufig wird dieses Bedürfnis und die daraus erwachsende Beziehungsform als Containment bzw. als das Verhältnis von Container und Contained bezeichnet. Der entsprechende Vorgang wird dann als Containing beschrieben. Die ursprüngliche Bedeutung von Containment bezieht sich auf Wilfred R. Bion (1991, S. 146), der mit Bezug auf Melanie Klein an die frühe Beziehung zwischen Mutter und Kind denkt. Die einfühlsame Mutter spürt den heftigen Affekt des Kindes, der dem kleinen Menschen unerträglich erscheint und ihn quält. Das Kind, so der hier zugrunde liegende Gedanke von Klein, projiziert einen Teil seiner unerträglichen Ängste in die Mutter bzw. in eine »schlechte« oder »böse«, weil unverfügbare Brust. Von dort werden sie zu einem späteren Zeitpunkt reintrojiziert (wieder zurückgenommen). Die schlechten Gefühle haben sich bei einer hinreichend fürsorglichen Beziehung zwischen Mutter und Kind jedoch durch eine Art psychische Verdauung durch die Mutter (= »gute Brust«) derart verändert, jedenfalls erlebt es das Kind auf diese Weise, dass sie nun erträglicher sind und in dieser erträglichen Form als Objekt »gute Brust« wieder aufgenommen werden können. Durch diesen Vorgang der psychischen »Verdauung« der Affekte vonseiten der Mutter lernt das Kind, dass die als bedrohlich erlebten Gefühle verarbeitet und in erträgliche umgewandelt werden können. Dadurch wird auch der psychische Binnenraum des Kindes mit den geteilten Gefühlen belebt und bereichert.

Das Modell des psychischen Containers, in den die unerträglichen Gefühle als das Aufzubewahrende (contained) hineingeworfen bzw. projiziert werden und in dem sie aufbewahrt und gleichsam verdaut werden, sodass sie bei Wieder-Aneignung (Reintrojektion) annehmbar geworden sind (Mentalisierung), hat sich inzwischen in den meisten psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Therapiezusammenhängen sowie in weiten Bereichen der psychosozialen Arbeit verbreitet. Vielleicht liegt dies an der (vermeintlich leichten) Zugänglichkeit und Plastizität dieses Modells. Wenn es in beratenden und pädagogischen Berufen bzw. Zusammenhängen zur Anwendung kommt, dient es weniger der professionellen Praxis im Sinne von Handlungsanleitungen als dem Verständnis der Vorgänge im Bereich der intersubjektiven unbewussten Psychodynamik.

Denn das Modell von Container – Contained verführt durch seine Bildhaftigkeit zur Unterstellung einer schnellen Funktionalität, bei der die Gefahr einer erheblichen Vereinfachung besteht. Dabei wird u. U. nicht hinreichend berücksichtigt, dass es sich um überwiegend unbewusste psychodynamische Vorgänge handelt, die äußerst komplex sind und die dem Austausch von unbelebter Materie (im Bild der »Entsorgung von Müll«) keineswegs entsprechen. Auch Mutter und Kind sind zwei Menschen mit jeweils höchst komplexen Eigenschaften, allerdings auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus. Beide gestalten den Prozess in ihrer persönlich besonderen wechselseitigen Bezogenheit, und beide erfahren eine Veränderung während dieses Vorgangs.

Das gilt auch, wenngleich nicht mit derselben einschneidenden Bedeutung wie bei Mutter und Kind, für alle Prozesse, in denen zwischen zwei oder mehreren Menschen solche Vorgänge stattfinden, wobei in professionellen Beziehungen die hier jeweils erstgenannte Person für die andere eine Container-Funktionen zur Verfügung stellt (z. B. in der Beziehung von Behandler:in – Patient:in, Berater:in – Ratsuchende:r, Lehrer:in – Schüler:in). Diese Beziehungskonstellationen sind mit der Absicht verbunden, dass die jeweils erstgenannte Person der jeweils zweitgenannten Entlastung von unerträglichen Gefühlen und Zuständen verschafft, wobei sich in allen diesen Prozessen beide Beteiligten verändern.

Doch es geschieht noch etwas Anderes: denn die Beteiligten gestalten beide gemeinsam etwas Neues, sie entwickeln in diesem Vorgang eine besondere Beziehung, die sie in gemeinsamer Anstrengung hervorbringen. Dieser Vorgang ist in jeder Hinsicht ein kreativer Akt, an dem beide wachsen und für das gemeinsame Dritte – ihre Beziehung – Verantwortung tragen, auch wenn sie das unter Umständen in unterschiedlichen Rollen tun. Für diesen Vorgang erscheint der Begriff des containing passend, der als Verb auf die Dynamik und die gemeinsame Beteiligung abzielt (vgl. Cartwright 2010; Crepaldi 2022).

Die Bedeutung von Containment/containing im Kontext von Gruppen und sozialen Beziehungen

In gruppendynamischen und gruppenanalytischen Prozessen ist das Bewusstsein darüber, dass Gruppen als ganze ihrerseits die Funktion eines psychischen Containers haben können, Bestandteil der Arbeit mit Gruppen. Dies gilt nach Hirsch (2008) insbesondere für Gruppen, in welchen die Fähigkeit, zu mentalisieren und zu symbolisieren, entwickelt wird.

Figlio und Richards (2003) haben aus kulturwissenschaftlicher Perspektive herausgearbeitet, dass das kulturelle Containing, das auf einer Vielzahl gleicher oder ähnlicher Erfahrungen beruht, einen Bodensatz bietet für das unbewusste Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Aufgehobensein in einer haltenden, nährenden Umgebung. Diese wird als angenehm stabilisierend erlebt wird, weil sie bekannt ist und sich mit dem wohligen Gefühl verknüpft, in dieser Vertrautheit eine Heimat zu haben. Menschen benötigen gerade in Zeiten von Unsicherheit und Orientierungslosigkeit feste persönliche Bezüge, Reflexionsräume zum Austausch, Orte der Begegnung und auch unterstützende Strukturen. In diesen kann Angst ausgedrückt und Hoffnung entwickelt werden. Aber wo kann das stattfinden unter den Bedingungen immer größerer Individualisierung, Isolation, Vereinsamung?

Hier kommt die »fantasierte Bezugsgruppe« ins Spiel: die rechts-autoritären und populistischen Bewegungen und Parteien scheinen offenkundig einen gewissen Zugang zu diesen Bedürfnissen zu haben und eine scheinbare Befriedigung anbieten zu können.

Natürlich stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln ihnen das gelingt und wie sie diese Angebote an die Menschen herantragen; hier seien einige genannt:

Das starke Bedürfnis nach Sicherheit führt zu einer erhöhten Bereitschaft, sich mit dem Anführer oder der Anführerin als Person und seinen/ihren Eigenschaften und Denkmustern zu identifizieren. Diese Bereitschaft geht so weit, dass eine angemessene Realitätsprüfung als Leistung eines starken und arbeitsfähigen Ich aufgegeben wird zugunsten einer bewussten Entscheidung, alles ungeprüft zu glauben, was der oder die Anführer:in sagt. Das bedeutet in der Folge: auch die Lügen und Realitätsverzerrungen ebenso wie die plötzlichen Wechsel der Argumente werden anstandslos hingenommen. Die Bindung an die Führungsperson bekommt die Qualität einer Glaubenserfahrung, die anderen »Gläubigen« sind dann die vereinte Gemeinde, die Gemeinschaft aller ebenfalls »gläubigen« Anhänger:innen. Das bedeutet, eine starke »Elternfigur« sowie eine große »Geschwistergruppe« geben Halt und Sicherheit, die als real erlebt werden, sich faktisch jedoch überwiegend in der Fantasie abspielen. Das betrifft vor allem die große Gruppe der Wähler:innen. Für die kleinere Gruppe der Organisierten und ihrer Anhänger:innen dominieren tatsächliche Erfahrungen in Clubs, Lokalen, Vereinen, auf Demonstrationen, bei Konzerten entsprechender Bands etc.

Von diesen radikalisierten realen Gruppen unterscheiden sich die Großgruppen der Wählerinnen von radikalisierten Parteien. Die reale Erfahrung, die Menschen in den radikalen Gruppierungen machen, wird in der Großgruppe der Wähler:innen durch die Imagination von Halt und Sicherheit ersetzt. Und fatalerweise gilt: je weniger reale Erfahrung stattfindet, desto fester wird die irreale, von der Realität losgelöste »Glaubensentscheidung«, also die Entscheidung zur Bindung an diese Person und ihre Aussagen sowie an die damit verknüpfte Bewegung. Deren »Defizite« (Lügen, Betrügen, Verdammen, Hass säen) sind es, die die Bindung der Anhänger:innen stärken.

Dennoch ist auf eine besondere Funktion der Imagination von Schutz und Versorgung durch eine:n sich als stark präsentierende:n »Führer:in« hinzuweisen: je grenzverletzender und offener destruktiv sich diese:r verhält, desto mehr wird damit infolge der Identifikation eine innere Erlaubnis zu aggressiven und destruktiven Verhaltensweisen verbunden. In diesen Bedürfnissen und Haltungen verbergen sich auch die anfangs erwähnten unbewussten Grundannahmen, die Bion (1971) bei der Abwehr von Ängsten in Gruppen festgestellt hatte: das Verlangen nach Schutz und Versorgung durch die Leitungsperson, die Partei oder den Staat und/oder die paranoide Projektion der Ängste auf Fremdgruppen in Verbindung mit aggressiver Abwehr oder Flucht und/oder die Hoffnung auf Erlösung durch ein sich in der Gruppe bildendes Paar. In der aggressiv-destruktiven Abwehr kommt auch die von Hopper betonte Destruktivität zum Ausdruck.

Figlio und Richards (2003) verweisen auch auf den starken, haltenden Charakter einer vertrauten sozialen Umgebung, im weitesten Sinne von Gesellschaft. Mit ihrem psychoanalytischen Blick auf soziale Verhältnisse arbeiten sie heraus, dass diese vertrauten sozialen Situationen einen Schutzwall gegen (depressive bzw. psychotische) Ängste bieten, die durch den plötzlichen oder langfristigen Einbruch beschädigter oder toter Objekte entstehen. Gegen solche Ängste muss eine Abwehr errichtet werden, die sich zu einem sozialen Abwehrsystem entwickeln kann, ein Aspekt, den schon Mentzos (1996) mit seinem Begriff der institutionalisierten Abwehr angesprochen hatte. Unter Verweis auf Donald Meltzer betonen Figlio und Richards (2003), dass die Unfähigkeit »to restore dead or mutilated objects« (ebd., S. 417), einen Türöffner für diktatorische Anführer (Tyrannen) darstellt. Dieser Vorgang wird durch die Angst angetrieben, dass die Zerstörung der »guten Objekte« nicht revidierbar sei. Es erfolgt eine Regression auf eine paranoide Position, die im sozialen Bereich eher eine »paranoide Mentalität« darstellt. Autoritäre Führungspersonen versprechen Sicherheit durch die Einladung, sich mit ihnen als omnipotentem Objekt zu identifizieren, einem Objekt, das per Definition allmächtig ist und niemals hilflos oder unsicher sein wird:

»The tyrant is a bad object that promises safety from attack by projecting uncertainty into outside groups and inviting an alliance to destroy them. […] The main psychological effect of the tyrant is to extirpate depressive anxiety, helplessness, and uncertainty« (ebd., S. 418).

Dieses Argument illustriert, warum in gespaltenen Gesellschaften ein mehr oder weniger großer Teil der Bevölkerung zur Lösung einer tyrannischen Führerschaft tendiert, die Stärke und Sicherheit verspricht. Die hierbei entstehenden Gruppierungen identifizieren sich mit dem Tyrannen. Zudem entstehen zahlreiche gesellschaftliche Untergruppen, die jeweils kaum eine starke verbindende Kraft zu entfalten vermögen, jedoch zu einem Zustand weitreichender Fragmentierung sowohl der Gesellschaft wie im psychischen Erleben ihrer Gruppenmitglieder beitragen. Ein Teil dieser Gruppen wird sich entweder gänzlich ins private Refugium zurückziehen oder sich mit den Ausgegrenzten und Opfern der autoritären Formationen identifizieren und sich ggf. auch für diese engagieren (z. B. Omas gegen rechts).

Die Kraft der direkten Inter-Aktion und die Entwicklung Ich-stabilisierender Gegenkräfte

Möglichkeiten und Funktionen spontaner Protestbewegungen

Eine Gegenbewegung im Sinne einer direkten Inter-Aktion gab es bei Demonstrationen, wie sie anlässlich des Todes von George Floyd im Jahr 2021 unter dem Motto »Black lives matter« weltweit stattfanden. Viele Teilnehmer:innen konnten sich mit dem durch weiße Polizisten geschundenen und tödlich verletzten Floyd identifizieren. Die weitgehend spontanen Demonstrationen errichteten einen Schutz gegen die Ängste, die auch durch schmelzende Pole, ungezügelten CO2-Ausstoß, wachsende Kriegsgefahren in naher Umgebung eine anhaltende, aber latente Bedrohung darstellen und ein Unbehagen hervorrufen, das sich leicht bis zur Unerträglichkeit steigern kann.

Eine Gewalttat wie der Mord an George Floyd bringt diese Ängste offen zum Ausbruch, sein Tod steht stellvertretend für die Inhumanität der Gesellschaft (insbesondere gegenüber bestimmten Gruppen): Wie unter einem Brennglas verdichten sich Ängste, die beim Verlust der »guten Objekte« entstehen.

Die spontanen Demonstrationen zeigen die Möglichkeit einer Protestbewegung auf. Was geschieht dadurch? In einer direkten sozialen Interaktion wird die institutionalisierte Abwehr (Mentzos 1996) durchbrochen – in der Identifikation mit dem misshandelten Menschen, stellvertretend für alle Misshandlungen, auch die des Planeten – bricht ein Moment des Erkennens auf: Erkannt wird z. B. die Unmöglichkeit, als Einzelne:r der »Inhumanität des gesellschaftlichen Systems« entgegenzutreten. Die damit verbundene verzweifelte Angst wird jedoch zeitweilig beruhigt durch die spontane Verbindung vieler Menschen miteinander.

Nicht berücksichtigt ist bei diesem Modell der Spaltung die große Gruppe derjenigen, die sich in den Rückzug begeben, privatisieren oder in beobachtender Passivität verharren. Ein nicht geringer Teil davon sind Mitläufer:innen, latente Sympathisant:innen letztlich der Fraktion der »tyrannischen« Abwehr, allerdings noch nicht offensiv und entschieden, sie sind »Sympathisant:innen in Latenz«. Transgenerational überlieferte Ideologien aus dem Nationalsozialismus bieten dafür zahlreiche Anschlussstellen (Lohl 2010; Lohl & Moré 2014).

Bewältigung von Ängsten in sozialen Gruppen

Wie müssen also konstruktive, stärkende und das Ich stabilisierende Erfahrungen beschaffen sein, um Gegenkräfte zu mobilisieren? Alle Menschen benötigen Erfahrungsräume, also Gelegenheiten, in denen Gemeinsamkeit tatsächlich erlebbar wird sowie eine Vision, eine Idee, aus der heraus sich eine Zielsetzung entwickeln lässt.

Die Kraft der »direkten Inter-Aktion«, die in der spontanen Verbindung beispielsweise während einer Demonstration ein Erleben von Stärke, Sicherheit und Zuversicht ermöglicht, kommt im Effekt einem Containment gleich. In diesen Momenten der Gemeinsamkeit erleben sich Menschen als Teil einer Gemeinschaft, in der eine Kraft wahrgenommen wird, die den verheerenden Ängsten Paroli bietet und ihnen dadurch Einhalt gebieten kann. Das sind allerdings nur Momentaufnahmen, deren Kraft vielleicht individuell nachwirkt, die aber nicht von Dauer sein werden. Die spontane Protestbereitschaft, die sich in großen Demonstrationen äußert, ersetzt keine stabile Struktur verlässlicher Institutionen und Organisationen. Aber sie sind ein Anfang von Protest und Gegenwehr, mit dessen Hilfe durch die Erfahrung von Gemeinsamkeit Ängste gebannt werden. Nach Stehr (2022, S. 96) zeigen spontane Protestbewegungen immer symptomatisch ungelöste gesellschaftliche Konflikte an, die dadurch (wieder) in das öffentliche Bewusstsein kommen. Da die Gesellschaft unweigerlich darauf reagieren müsse, trage dies immer auch zu ihrer Weiterentwicklung bei.

Wo finden sich solche Erfahrungsräume, die bereits existieren, jedoch womöglich anderen, primär emanzipatorischen und antiautoritären Zielen dienen können? Es ist an berufliche Teams oder sportliche Aktivitäten, an familiäre Kontexte und Zusammenkünfte von Freund:innen zu denken, Zusammenkünfte, in denen sich Menschen begegnen und die gleichsam von innen heraus genutzt und umdefiniert werden können (vgl. Morgenroth 2024). Es sind somit stets Gruppenzusammenhänge, in welchen sich Verständigung, Solidarität oder auch Protest formiert. »Damit ein aktiver Protest möglich wird, muss dieser zuerst gedacht werden. Da Denken ein kommunikativer Prozess ist, steht am Anfang die Gruppe« (ebd., S. 94).

Gegenwärtig ist angesichts der starken gesellschaftlichen Spaltungstendenzen eher ein Verstummen zu beobachten, wenn man sich überhaupt noch begegnet – denn allzu oft sind stabile Freundeskreise zerbrochen, Familien auseinandergefallen, wenn in der Auseinandersetzung um die unterschiedlichen Positionen die Affekte zu stark und damit auch verletzend wurden, sodass die Un-Vereinbarkeit in der politischen Sache zu einer Unmöglichkeit von Beziehung führte. Das hat häufig die Vermeidung dieser Themen, also ein Verstummen zur Folge.

Von der geteilten Utopie zur gemeinsamen Handlungsfähigkeit

Der stumme Rückzug wird aufgehalten, wenn in der Gemeinsamkeit auch die Vorstellung von einer besseren Lebensform, von konstruktiven Veränderungen entwickelt werden kann, wenn also auch eine ermutigende Geschichte entwickelt wird. Diese muss von einer (Welt-)Gesellschaft sprechen, in der es vielen Menschen besser geht, wenn zum Beispiel einige wenige sehr Wohlhabende etwas von ihrem Reichtum abgeben. Hierzu ein Beispiel aus der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit.

»Ein Punkt, der mich selbst verstärkt zur Auseinandersetzung mit Zukunftsentwürfen und Utopien gebracht hat, ist zum einen die Empfindung von Angst vor gesellschaftlichem Rückschritt und, wie diese Drohkulissen von Rechts bewirtschaftet werden. Gleichzeitig aber auch die Beobachtung während und insbesondere nach der Corona-Pandemie, wie sehr unsere Teilnehmenden aufblühten, wenn Seminarkonzepte nicht nur mit Analyse und Kritik aufwarteten, sondern sie selbst mit ihren politischen und emotionalen Bedürfnissen eingebunden haben. So haben Teilnehmende in einem Seminar zur Genossenschaftsidee in einer Utopie-Phase eine Single-Genossenschaft, eine Genossenschaft für einen Weltraum-Aufzug oder zur kommunalen Übernahme des Internets in Bottrop entworfen. All diese Ideen haben von der Phantasie der Teilnehmenden und ihren positiven Gefühlen gelebt. Und: die Menschen sind motiviert und mit dem Wissen auseinander gegangen, dass sie Kraft zur Veränderung in sich tragen« (Mündliche Mitteilung von Niklaas Hofmann von der DGB-Bundesschule in Hattingen).

Gerade, weil die Situation weltweit so angespannt und krisenhaft ist, braucht es Menschen, die aktiv werden, sich engagieren, Widerstand leisten, sich für eine bessere Welt einsetzen, es braucht eine positive und zugleich realistische Utopie. Psychologisch bedeutet Utopie die Orientierung an der besseren Möglichkeit, die Hoffnung auf Veränderung, die im Bereich des Möglichen liegt. Aus dieser Zuversicht, aus dieser Quelle erwächst ein Motiv zum Handeln. Dazwischen liegen mühsame Denkbewegungen, die sich aber an der Vitalisierung, an der Möglichkeit zu Wachstum und Sicherheit ausrichten.

Die alltagspraktische Bedeutung von Utopien, verstanden als kreativer Akt autonomen Denkens, das die Begrenzung des Gegebenen überschreitet, ist darin zu sehen, dass das »Noch-Nicht-Gewordene« (Bloch 1976) mutig in den Blick genommen wird und aktive Handlungsschritte im Sozialen erfolgen. Dies lässt sich auch an den zahlreichen Demonstrationen erkennen, die kurz vor den Wahlen 2025 zum Deutschen Bundestag stattfanden, als eine Koalition zwischen CDU und AfD sich anzubahnen schien und Millionen Menschen fast spontan auf die Straße trieben, um ihren Protest dagegen zum Ausdruck zu bringen.

Die Bedeutung dieser Aktivität, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn sie bringt zum Ausdruck, dass viele Menschen an die Grenzen ihrer Toleranz gelangt sind und für eine bessere Form, für eine echte Demokratie eintreten – vielleicht sogar für eine Utopie zu kämpfen bereit sind. Denn:

Deswegen ist es so wichtig, bei aller Kritik des Bestehenden immer auch die Möglichkeit des Besseren, die konkrete, die realistische Utopie der lebendigen Alternative mitzudenken. Diese kann auch darin bestehen, sich in Zusammenschlüssen gemeinsam zu vergewissern, in Gruppen, Teams und anderen Formen der Vergemeinschaftung. Sozialer Zusammenhalt stärkt. Es bedarf dann sowohl einer Unterstützung als auch Verstetigung dieser spontanen Proteste, um längerfristig aus ihnen eine wirksame Kraft zu entwickeln. Nicht nur therapeutische Gruppen, auch viele Formen von Alltags- und Arbeitsgruppen stellen einen Raum zur Reflexion, zur Auseinandersetzung mit anderen Positionen und zur wechselseitigen Unterstützung zur Verfügung. In ihnen wird ein Zuhause gefunden, in dem Gemeinsamkeit erlebt und Veränderung erfahren wird. Es geht um Veränderungen zu etwas hin, das über das Soziale hinaus geht. Vielleicht geht es auch um das Gegenteil, einen anderen Blick nach innen zu wagen: im Hin-Blick auf die Anerkennung des zutiefst Subjektiven, des eigenen Fremden und Unheimlichen, des Nicht-Übereinstimmenden, des Differenten im Ich und im »Wir«, welche Wurmser und Gidion (1999) als Die eigenen verborgensten Dunkelgänge bezeichnet haben. Jede Gruppe ist weitaus mehr als die Summe ihrer einzelnen Teilnehmenden. Dieses »Mehr« ist der Ursprung für das Gefühl von Zugehörigkeit, und dieses stellt die Ausgangsbedingungen für soziale Erfahrungen zur Verfügung und damit den intra- wie interpersonellen Raum, in dem die Verbundenheit auch durch eine weitgehend unbewusste Matrix Halt und Sicherheit geben kann.

Soziale Erfahrungen ermutigen, für das Erwünschte – und sei es ein Etappenziel – weiterhin gemeinsam einzutreten. Das hilft jedem Einzelnen und stärkt die sozialen Widerstandskräfte, die dringend nötig sind, um eine demokratische Gesellschaft zu erhalten und weiterzuentwickeln und nicht im autoritären Sumpf versinken zu lassen, der bereits mehr als einmal im Faschismus geendet ist.

Was fehlt, ist eine »überzeugende demokratische Perspektive«

Was könnte Mut und Hoffnung machen?

Eine überzeugende demokratische Perspektive, so könnte man denken, schließe Polarisierungen und Spaltungen aller Art aus. Wahrscheinlicher aber ist, dass polarisierende, gar spaltende Bewegungen auch innerhalb einer Demokratie hervorgebracht werden. Kann es sein, dass diese sie vielleicht sogar braucht, gerade um in Bewegung zu bleiben? Vielmehr scheint es jedoch, dass Polarisierungen entstehen, weil demokratische Strukturen viel abverlangen, in ihnen Verzicht geleistet werden muss auf einfache Lösungen, auf einheitliches Denken, auf ein beständiges, harmonisches Miteinander. Die Herausforderungen gesellschaftlicher Komplexität können somit durch Vereinfachungen abgewehrt werden, wobei es sich primär um einen psychischen Abwehr- und Entlastungsmechanismus handelt, der nicht mit mangelnden kognitiven Fähigkeiten oder fehlender Bildung zu tun hat. Dementsprechend findet sich diese Form der Abwehr in allen gesellschaftlichen Schichten, aber setzt sich zur Abwehr von Ängsten auch in Gruppen und Organisationen durch (vgl. die Ausführungen zu Hoppers 4. Grundannahme; vgl. auch Patzelt & Klose 2016; Manow 2018).

Wäre also eine überzeugende demokratische Perspektive eine, die die negativen Affekte wie Unmut, vor allem aber Unlust, Frustration und Schlimmeres in den Blick nimmt und einen Umgang damit ermöglicht? Dazu wäre ein differenzierter Blick auf die unterschiedlichen, auch entwicklungsbedingten Formen von Aggressionen, auf destruktive Prozesse sowie auf die in ihnen enthaltenen Formen von Entwertungen, sowohl eigener als auch nicht-eigener Bedürfnisse und Interessen, notwendig.

Gründe für Prozesse, die destabilisieren, ausfindig zu machen anstelle der permanenten Erzeugung und Aufrechterhaltung alter und neuer Feindbildkonstruktionen, müssen ausfindig gemacht werden. Durch selbstreflexive Prozesse und Erfahrungen in Gruppenkontexten kann gelernt werden, nicht zu polarisieren; stattdessen geht es um die Entwicklung von Ambivalenzfähigkeit und Frustrationstoleranz und um die Fähigkeit des Alleinseins in der Bezogenheit zur Gruppe.3

Containment in kooperativ oder autoritär geführten Gruppen

Menschen sind, wie eingangs betont, soziale Wesen, sie leben, arbeiten, genießen und leiden in Gruppenbezügen. Gruppen tragen dazu bei, die individuelle Entwicklung des Einzelnen zu ermöglichen. Das bedeutet die schrittweise Ablösung aus der Abhängigkeit von anderen Menschen, den frühen und auch späteren Bezugspersonen. Die Individuen werden befähigt, autonome Entscheidungen zu treffen. Diese Funktion erfüllen Gruppen zunächst unabhängig von ihren Zielen und Inhalten. Auch die Angebote von populistischen, rechtsradikalen Parteien und Organisationen erfüllen Bedürfnisse nach Containing, sie bieten musikalische Großveranstaltungen, Treffen sich zu diversen Gelegenheiten, z. B. bei Angeboten zur Freizeitgestaltung. Diese können sowohl auf die Gegenwart bezogen sein als auch auf das Erreichen zukünftiger Ziele verweisen. Gewiss führen diese Angebote auch zu mancher Wahlentscheidung oder gar Schritten in die Organisationen hinein. Aus dieser Perspektive werden die Wünsche nach Zugehörigkeit auch durch diese Gruppen- und Massenerlebnisse erfüllt. Das kann zu Fehlschlüssen führen, beispielsweise dass es im Ergebnis der individuellen Zufriedenheit und Befriedigung von Bedürfnissen gleichgültig sei, innerhalb welcher Gruppierung, rechter oder linker Herkunft, sie erfüllt werden. Hier ist es wichtig, die gravierenden Unterschiede herauszuarbeiten, die mit den vertretenen Inhalten, aber mehr noch mit der Art und Weise von Gruppenbezug und demokratischen Strukturen zusammenhängen. Vergleichen wir exemplarisch und idealtypisch im Sinne Max Webers eine Gruppe, die sich um Umweltfragen und/oder soziale Gerechtigkeit gebildet hat und die nach dem Ansatz von Kurt Lewin et al. (1939) als kooperativ geleitete Gruppe bezeichnet werden kann – wir nennen sie hier Alpha. Diese vergleichen wir mit einer Gruppierung aus dem politisch (rechts)radikalen Spektrum, die nach Lewin einer autoritär geführten Gruppe entspräche – wir nennen sie hier Omega – und untersuchen die Hypothese, dass beide die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Containment erfüllen.

Worin unterscheiden sie sich? Unterscheidungskriterien sind neben den inhaltlichen Zielen, die verfolgt werden, auch die Form, in der die beiden Gruppen auftreten. Dazu gehört etwa der Umgang mit Differenz: dürfen Ansichten und Überzeugungen, die nicht mit dem Gruppenmainstream zusammenpassen, geäußert und gelebt werden, findet eine Auseinandersetzung damit statt, die zu Integration führt? Weiterhin ist die Art und Weise bedeutsam, wie Entscheidungen getroffen werden: erfolgen sie strikt von oben nach unten oder sind sie in umgekehrter Richtung organisiert? Wie sind Beitrittsmöglichkeiten und Mitgliedschaften definiert und ist eine Toleranz gegenüber deutlichen Unterschieden vorhanden – oder ist die weitgehende oder gar völlige Übereinstimmung mit den Zielen der Gruppe/Organisation erwünscht und notwendig?

Die »idealtypische« Alpha-Gruppe unterstützt Prozesse der individuellen Autonomie, sie stärkt das Ich und damit auch die Fähigkeit zu angemessener Realitätsprüfung, der Austausch über unterschiedliche Positionen ist möglich, eigene Positionen sind toleriert und sogar erwünscht, es herrscht ein Klima der Akzeptanz und der wechselseitigen Anerkennung. Meinungsbildungsprozessen wird viel Energie gewidmet, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen.

In der idealtypischen Omega-Gruppe hingegen herrscht eine Form der Abhängigkeit, die zu einer Schwächung individueller Ich-Funktionen führt. Dieser Vorgang wird u. a. durch Identifikation mit einer starken Leitungs-/Führungspersönlichkeit erzielt, mit deren Habitus und mit deren Zielen eine Art Verschmelzung stattfindet. Ähnliche Erlebnisse werden durch musikalische Events erzeugt: es geht um symbiotische Auflösung von Ich-Grenzen auf dem Weg von Gefolgschaft, die wie bei einer Glaubensentscheidung gefordert wird. Die Zugehörigkeit wird durch Gleichförmigkeit erreicht. Diese weist zudem eine Besonderheit auf, die gewiss zu einer starken Identifikation beiträgt: sie erlaubt den Ausdruck von Aggression und Destruktivität durch Definition eindeutiger Feindbilder und Sündenböcke, die gemeinsam gehasst und bekämpft werden. Dabei handelt es sich um eine Regression auf binäre kognitive Strukturen (gut oder schlecht, schwarz oder weiß). Tatsächlich lässt sich die Aggression nicht immer nach außen ableiten. Sobald es zu Spannungen kommt, zeigen sich destruktive Prozesse auch im in-group-Verhalten und entwickeln eine für die Gruppe potenziell zerstörerische Dynamik, die Nitsun (1996) als Anti-Gruppe charakterisiert hat.

Gruppen, die als Orte der Ich-Stärkung wirken

Wie könnten/müssten also konstruktive, stärkende und das Ich stabilisierende Erfahrungen beschaffen sein, um wirksame Gegenkräfte zu autoritären und rechtsextremen Entwicklungen zu mobilisieren? Sie benötigen eine Vision, eine Idee, aus der heraus sich eine Zielsetzung entwickeln lässt. Sie benötigen Erfahrungsräume, also Gelegenheiten, in denen Gemeinsamkeit tatsächlich erlebbar werden. Dabei sollten auch die kreativen Potenziale von Aggression und ihre Nutzung für die nicht-destruktive Beseitigung von Hindernissen und kreativ-konstruktive Entwicklung neuer Bezüge, Möglichkeiten und Strukturen nicht ausgeblendet werden. Halt gebende und zugleich persönliche Entwicklung ermöglichende Gruppen sind nicht durch autoritäre Zwänge und Anpassungsdruck und die Ableitung von Aggressionen nach außen gekennzeichnet, sondern durch die Bereitschaft, Konflikte offen zu benennen und auszutragen, aber mit gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und Verbundenheit, die oft auch von Sympathie oder Zuneigung begleitet ist. Die in ihnen mögliche Form der Konfliktbearbeitung und -bewältigung stärkt die psychischen Ich-Funktionen der Gruppenmitglieder und entspricht dem, was Foulkes (1974, S. 34) als Ich-Stärkung in Aktion (ego training in action) bezeichnet hat. Sowohl die einzelnen Personen wie die Gruppe als ganze gehen aus solchen Austragungsprozessen gestärkt hervor, denn diese beinhalten auch den Zugang zu den schon erwähnten unbewussten und abgewehrten dunklen Seiten. Gemeinsame und spiegelnde Selbstreflexionsprozesse, wie sie in Gruppen (sowohl therapeutischen wie Selbsterfahrungs-bezogenen Gruppen oder Teams) möglich sind, kommen dabei der persönlichen Entwicklung und Individuation jedes Einzelnen in der Gruppe zugute.

Aus psychoanalytischer Perspektive kann der folgende Gedanke Küchenhoffs (2022, S. 246) hilfreich sein und mühelos auf die gruppenanalytische Perspektive übertragen werden:

»Als Psychoanalytiker*innen untersuchen wir die Gewalt, die durch Sprachzerstörung, Denkverbote und Verständigungsverbote entsteht und setzen ihr einen Möglichkeitsraum entgegen, der es erlaubt, das Andere zu artikulieren. Wir setzen ihr ein Beziehungsangebot entgegen, das darauf ausgerichtet ist, das Andere der eigenen Person und die Andersartigkeit des Mitmenschen anzuerkennen. Dies setzt der Gefahr, dass Gewalt nur Gewalt erzeugt, das ohnmächtige, aber allein wirksame Mittel der Selbstreflexion entgegen«.

Mit dieser Überlegung, die sich auch mühelos auf die gruppenanalytische Perspektive und Praxis übertragen lässt, beenden wir an dieser Stelle (auch wenn das Thema noch lange nicht erschöpfend behandelt ist) unser gemeinsames Nachdenken.

Anmerkungen

[1]

Ähnlich wie Bion verwendet Hopper dafür eine Art Formel: (4. Grundannahme) Verlust von Kohäsion:Aggregation/Massifikation = (Ga) VK:A/M (im engl. Orig.: 4. Basic Assumption of Incohesion: Aggregation/Massification = (ba) I:A/M) mit der Absicht, die wesentlichen Aspekte in ihrer komplexen Struktur zu verdichten.

[2]

An dieser Stelle kann auf die verschiedenen Varianten von Sexismus, Rassismus oder Antisemitismus nicht eingegangen werden (zu den Erscheinungsformen von Letzterem vgl. Moré 2025).

[3]

Der Kinderanalytiker Winnicott (1993, S. 59) hatte die Bedeutung, in Gegenwart eines anderen allein sein zu können, für die Selbstentwicklung des kleinen Kindes schon früh erkannt.

Literatur

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Group processes between regressive polarization and creative involvement

Summary: This article begins by looking at some of the developments and findings of group analysis in order to better understand certain processes and dynamics in groups and, if necessary, transfer them to non-led groups. We then look at various social processes and developments that have led to a strengthening of divisive tendencies and splitting in conjunction with growing radicalisation and brutality in political conflicts. Here we ask about the fears and needs of people in increasingly anonymised and ever more complex societies as well as the temptations and seductive potential of populist movements and parties that make false promises to offer supposed solutions. In order to find answers to this, the article then looks at the importance of containment in early development and in/for groups. Towards the end of the article, the challenging question is therefore what changes are necessary in society and in interpersonal relationships in order to stop these destructive processes – and what potential lies in groups (offers) that can promote democratic thinking and self-determined action by individuals (in groups).

Keywords: group analysis, containing/contained, social unconscious, matrix, social isolation, ego stabilisation, anti-group

Biografische Notizen

Angela Moré, Prof. Dr. phil., ist außerplanmäßige Professorin für Sozialpsychologie am Institut für Soziologie der Universität Hannover, Gruppenanalytikerin (SGAZ) und Gruppenlehranalytikerin (D3G), Supervisorin sowie Mitbegründerin des Gruppenanalytischen Instituts für Gruppenpsychotherapie, Organisationsberatung und Supervision (GIGOS) (https://www.gigos.de).

Kontakt
E-Mail: a.more@sozpsy.uni-hannover.de

Christine Morgenroth, Prof. Dr. phil. habil, ist außerplanmäßige Professorin an der Leibniz Universität Hannover, lehrt und forscht im Fachgebiet psychoanalytische Sozialpsychologie mit den Schwerpunkten Prozesse der Marginalisierung und ihre Folgen, Qualitative Sozialforschung, insbesondere Tiefenhermeneutik, Gesellschaft und psychische Gesundheit. Publikationen u. a.: Die dritte Chance. Therapie und Gesundung von Jugendlichen Drogenabhängigen (Springer 2010); Resilienzstärkung durch Teams: Von Implosionen zu befriedigender Arbeit angesichts widriger Umstände. In C. Seidenfuss et al. (Hrsg.), Stabilität auf schwankendem Boden – Reifer Umgang mit den Unsicherheiten unserer Zeit (Springer 2024, S. 205–222).

Kontakt
E-Mail: morgenroth.negt@ish.uni-hannover.de

Nele Reuleaux, Dr. phil., ist Soziologin, Sozialpsychologin, analytische und tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Gruppenanalytikerin. Sie ist Mitglied des Seminars für Gruppenanalyse Zürich (SGAZ) und der Deutschen Gesellschaft für Gruppeanalyse und Gruppenpsychotherapie (D3G). Sie ist tätig als Dozentin und Supervisorin am Winnicott-Institut Hannover, seit Juli 2025 Institutsleiterin, zusammen mit Dr. phil. Christoph Müller.

Kontakt
E-Mail: nele.reuleaux@t-online.de