Katrin Stumptner (Hrsg.). (2022).
Gruppenanalytisch arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Impulse für eine kreative und vielfältige Praxis.
Vandenhoeck & Ruprecht, 324 Seiten
Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik • Band 32 (2026), 233–236
https://doi.org/10.30820/0938-183X-2026-32-233
https://jahrbuch-psychoanalytische-paedagogik.deDer Sammelband Gruppenanalytisch arbeiten mit Kindern und Jugendlichen von Katrin Stumptner gibt neben einer Einführung in die historische Entwicklung der Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie berufspolitische Aspekte v. a. einen hervorragenden Überblick über die Anwendungsfelder der gruppenanalytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sowie ihrer Bezugspersonen. Hierbei zeichnet sich der Sammelband dadurch aus, dass der sozialwissenschaftliche Anspruch der analytischen Gruppenanalyse sensu S. H. Foulkes – dem Begründer der analytischen Gruppenarbeit – in seinem emanzipatorischen Anspruch zur vollen Entfaltung kommt. In der befreiten Anwendung der Psychoanalyse jenseits ihrer klinischen Anwendungsfelder, wie sie für die analytische Gruppenarbeit kennzeichnend ist, erfährt diese als Grundlagentheorie ihre erfrischende Anwendung als analytische Gruppenarbeit in den Arbeitsbereichen der Sozialarbeit bzw. der Sozialpädagogik, der politischen Bildung, in der Psychiatrie und in der Beratung. Eine überwiegende Mehrzahl der im Buch von Katrin Stumptner versammelten Autor:innen befreit somit die Psychoanalyse aus dem Prokustesbett ihrer klinischen Anwendung. Befreit von Sozialer Kontrolle gelingt es damit, die analytische Gruppenarbeit als eine Anwendung der Psychoanalyse in der Tradition der Frankfurter Schule ihr emanzipatorisches Potenzial in ihrer umfänglichen Wirksamkeit zu entfalten. Auf diesem Boden erscheint der Sammelband gerade auch für Professionen interessant zu sein, in denen die Psychoanalyse sowohl als Grundlagentheorie auch in ihrem praktischen Interventionsansatz ihre emanzipatorische Wirksamkeit entfalten kann. Der Sammelband von Katrin Stumptner überzeugt im Weiteren dadurch, dass die Gruppe als Ausdruck sozialer Vergemeinschaftung sowie als sozialer Raum von Individuation dem Individuum in seiner einzigartigen und unverwechselbaren Identität grundlegend vorangestellt wird. Dies ermöglicht es, die Gruppe stellvertretend als soziale Form der sozialen Vergemeinschaft in ihre Verantwortung für Individuation zu adressieren und die Konstruktion des modernen Subjekts aus seiner Vereinzelung zu befreien. In konsequenter Weise bildet in dem Sammelband deshalb die Gruppe in ihrer sozialen Rahmung der Bezugsgruppe den zentralen Fokus der Arbeit. Vor diesem Hintergrund gelingt es Katrin Stumptner in vielschichtiger und hervorragender Weise, die thematische Vielfalt der analytischen Gruppenarbeit mit Kindern und Jugendlichen und ihre jeweiligen Bezugspersonen in den Arbeitsbereichen der analytischen Gruppentherapie, der Sozialen Arbeit bzw. Sozialpädagogik und der politischen Bildungsarbeit aufzuzeigen. Neben dieser Vielfalt in den Anwendungsbereichen überzeugt der Sammelband darüber hinaus durch eine konsistente Verbindung von Theorie und Praxis als eine Theorie von der Praxis und für die Praxis sowie durch reichhaltige Fallbeispiele.
Sehr gerne bin ich als interessierter Leser und als analytischer Gruppenpsychotherapeut für Kinder und Jugendliche der Einladung von Katrin Stumptner in der Einleitung ihres Buches gefolgt, einen Sparziergang durch ihren Sammelband zu unternehmen. Einen bleibenden Eindruck bei diesem Spaziergang haben bei mir einige Artikel gemacht, die ich nachfolgend kurz benennen möchte. Zum einem war es der Artikel von Anke Mühle: Eltern-Kind-Gruppen mit Kindern unter sechs Jahren. Die im Artikel beschriebene gruppenanalytische Arbeit mit hochbelastenden Eltern beeindruckt zum einem durch die Einheit von Theorie und Praxis. Der psychoanalytische Interaktionsansatz erfährt unmittelbar in der Gruppe differenziert seine beziehungspraktische Anwendung. Einmal in der Mutter-Kind-Gruppe im Spiel als Interaktionserfahrung der Kinder untereinander und ihrer Eltern in der Haltung von Abstinenz bzw. der Beobachtung. Die Eltern werden konzeptionell angehalten, ihren Kindern in deren Ressourcen sowie der Gruppe in ihrem Selbstregulationsvermögen in Entsprechung auf das gruppenanalytische Diktum »trust the group«. Diese vielfachen Beobachtungen werden späterhin in der Elterngruppe gemeinsam geteilt und reflektiert. Im Weiteren zeichnet sich die gruppenanalytische Arbeit durch seine Einbettung in die universitäre Forschung als Bedingung der Möglichkeit von Konzeptentwicklung und der Vermittlung von bewährtem Wissen in der universitären Ausbildung aus. Ein weiterer Artikel, der mich aufgrund seiner gesellschaftspolitischen Bedeutung besonders beeindruckt hat, ist der Artikel Von der Holocaust-Leugnung zum persönlichen Familientableau: Narrative Gesprächsgruppen – zur Anwendung der Gruppenanalyse in Schulen, Jugendarbeit und Rechtsextremismusprävention von Harald Weilnböck. Der Autor zeigt sehr überzeugend die emanzipative Wirksamkeit der analytischen Gruppenarbeit auf dem Boden von Narrativen Gesprächsgruppen in der Institution Schule auf. Anhand von Fallvignetten werden rechtsextreme und menschenfeindliche Äußerungen empathisch und emotional in einem offenen Diskurs abseits von normativen Erwartungen in einer annehmenden auf Verstehen beruhende Haltung auf ihren biografischen Hintergrund mit der Gruppe der Peers als Narrativ generiert und in der Folge betrachtet und reflektiert. Schließlich möchte ich den Artikel Gruppenanalytische Herangehensweise in der stationären Erziehungshilfe von Tilman Sprondel als ein ausgezeichnetes Exemplar einer Psychoanalytischen Pädagogik auf dem Boden gruppenanalytischer Arbeit hervorheben. Tilmann Sprondel benennt den Grundgedanken der analytischen Gruppenarbeit in seinem Artikel, in dem er in der stationären Jugendhilfe die Gruppe zum zentralen Ausgangspunkt einer gelingenden psychoanalytischen Pädagogik jenseits ihrer klinischen Anwendung beschreibt. Anhand einiger lesenswerter Fallvignetten beschreibt er den positiven Einfluss der Gruppe auf den Einzelnen in der Gruppe wie umgekehrt. Sprondel beschreibt zunächst den Wirkfaktor der Universalität des Leides in Bezug auf Yalom als grundlegenden Attraktor für Jugendliche in der Jugendhilfe auf. Anhand einiger Fallvignetten gibt er Einblick in die Wirksamkeit einer Psychoanaltischen Pädagogik auf dem Boden analytischer Arbeit. Über die Anwendung von Übertragung und Gegenübertragung zeigt er eindrücklich an Fallbeispielen auf, wie sich die biografischen Themen der Adoleszenten positiv auf die Gruppe der Peers überträgt. Neben dem Verweis auf das psychoanalytische Verstehen in den Instrumenten von Übertragung und Gegenübertragung als Grundlage für eine die Gruppe eher moderierende Interventionspraxis führt Tilman Sprondel auf eine Besonderheit der analytischen Gruppenarbeit in der Lebenswelt der stationären Jugendhilfe hin. Er verweist im Vergleich zur analytischen Gruppenarbeit auf die Besonderheit der Lebenswelt der stationären Jugendhilfe hin. Anders als in der klassischen analytischen Gruppenarbeit, die sich strukturell aus der Gruppe und ihrer Gruppenleitung zusammensetzt, setzt sich die Lebenswelt der stationären Jugendhilfe aus der Gruppe der Jugendlichen und aus der Gruppe der Professionellen zusammen, die miteinander verschränkt sind. Diesbezüglich hebt Tilmann Sprondel die Notwendigkeit hervor, dass die über die Beziehungserfahrungen mit der Gruppe der Jugendlichen ausgelösten Gegenübertragungen in der Gruppe des Teams auf ihre Bedeutung hin reflektiert wird. Damit erweitert sich die Anwendung der analytischen Gruppenarbeit im Kontext von Teamarbeit, und zwar in ihrer Form als Supervision und/oder Selbsterfahrung.
Andreas Grellmann