Buchbesprechung

Anke Kerschgens & Inge Schubert (2025).
Schulklassen verstehen. Soziologische und gruppenanalytische Perspektiven auf Interaktionen in der Schule.
Beltz Juventa, 167 Seiten

Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik • Band 32 (2026), 236–239

https://doi.org/10.30820/0938-183X-2026-32-236

CC BY-NC-ND 4.0

https://jahrbuch-psychoanalytische-paedagogik.de

Das vorliegende Buch thematisiert Interaktionen in der Schule, insbesondere in der Schulklasse aus soziologischen, entwicklungspsychologischen und gruppenanalytischen Blickwinkeln. Ziel ist es, allen, die im schulischen Kontext mit Gruppen arbeiten, vertiefte Einblicke in die dort stattfindenden Interaktionen und Gruppenprozesse zu gewähren. Die Autorinnen legen dabei den Fokus auf die Schulklasse, deren institutionelle Aufgaben und Einbindungen.

Die Ausführungen eröffnen Leserinnen und Lesern Verstehenszugänge zu Kinder- und Jugendlichengruppen entsprechend ihrer psychosozialen Entwicklungsschritte. Die Bedeutung der Peers wird besonders herausgearbeitet, ebenso wie die Beziehung zwischen Lehrpersonen und Schüler*innen. Die Vielschichtigkeit des Beziehungsgeflechts wird deutlich, wenn hinter die konkrete Interaktion der Schulklasse geblickt wird und dort Verborgenes, teils Unbewusstes entdeckt werden kann. Das Verständnis für diese Komplexität ermöglicht es Lehrer*innen und Sozialpädagog*innen im schulischen Alltag Handlungsperspektiven zu entwickeln und Arbeitsbündnisse herzustellen und zu erhalten.

Der Aufbau des Buches folgt einem besonderen Konzept. Theoretische Überlegungen wechseln ab mit drei äußerst ausführlich beleuchteten Fallbeispielen, die jeweils auf die zuvor dargelegten Theorien bezogen sind.

In einem ersten theoretischen Teil geben die Autorinnen einen Überblick über soziologische Perspektiven auf Gruppen. Auf der diachronen Ebene zeichnen sie das soziologische Verständnis von Gruppen seit Max Weber, über Norbert Elias, George H. Mead bis zur Bedeutung von Gruppen im virtuellen Raum (Krüger & Nonnenmann 2017 und Müller & Wölfling 2017). Auf der synchronen Ebene beleuchten sie Gruppenprozesse wie Gruppenbildung und Gruppenentwicklung, Gruppenzugehörigkeit und Ausschluss sowie Diskriminierung, Normalitätszwänge und Normierung. Anknüpfend an Bourdieu weisen sie auf den Einfluss der jeweiligen Herkunftsmilieus auf das Miteinander in Gruppen hin. Sie gehen auf Geschlechterverhältnisse in Gruppen ein und skizzieren gleichermaßen Intragruppenkonflikte und Intergruppenkonflikte.

Das anschließende erste Fallbeispiel »Der kaputte Fußball«, Einblick in eine Klassenratsstunde einer fünften Klasse einer Gesamtschule, greift die theoretischen Ausführungen auf und verdeutlicht differenziert, wie gruppenspezifische, institutionelle und gesamtgesellschaftliche Gegebenheiten die Interaktion in der Schulklasse prägen.

Im folgenden theoretischen Kapitel widmen sich Anke Kerschgens und Inge Schubert den verschiedenen Gruppen, die in der Institution Schule mitspielen, ihren Spezifika, ihren Interaktionen, ihren Beziehungen untereinander und miteinander. Es geht um die gesellschaftliche und institutionelle Eingebundenheit der Schulklasse, um die Interaktionen zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen, um die Gruppe der Lehrer*innen und um die Gruppe der Eltern. Im Zusammenspiel der verschiedenen Gruppen wird deutlich, wie sich Lehrkraft und Klasse gegenseitig beeinflussen, wie Übertragungen aller Beteiligten auf das konkrete Geschehen wirken, wie Lehrkräfte zur Gestaltung der Beziehungen beitragen. Was intersubjektive Pädagogik bedeutet, wird spürbar.

Das zweite Fallbeispiel »Der Schulkiosk« blättert anhand einer fünften Klasse einer Gesamtschule das intragruppale Beziehungsgeflecht einer Klasse und ihrer Lehrerin auf, blickt auf die intergruppalen Konflikte zwischen den verschiedenen Akteuren in der Institution Schule und auf den Umgang mit dem Regelwerk und den Normen der Institution.

Im anschließenden theoretischen Kapitel geht es entwicklungspsychologisch um Entwicklungsschritte und Entwicklungsaufgaben von der frühen Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter. Die Autorinnen verbinden diese Entwicklungsschritte mit der Bedeutung der jeweiligen Gruppe von den ersten Krabbelgruppen, über die Kitagruppen, die Gruppen im Grundschulalter, in der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter. Anhand des Konzeptes des potential space von Winnicott erörtern sie die Bedeutung von Möglichkeitsräumen für Kinder und Jugendliche in ihrer psychosozialen Entwicklung.

Daran schließt sich ein Überblick über das dynamische Geschehen in Gruppen aus gruppenanalytischer Perspektive an. Hier geht es nicht mehr allein um die Frage der Bedeutung von Gruppen für spezifische Altersphasen, sondern darum, wie in Gruppen altersspezifische, geschlechtsspezifische und körperbezogene Themen auftauchen, inszeniert und möglicherweise gelöst werden. Die Autorinnen beziehen die Gruppenmatrix als eine zentrale gruppenanalytische Perspektive ein. Sie gehen auf Grundlagen der Bindungstheorie ein, da das jeweilige Bindungsverhalten wesentlich für die Möglichkeiten des Miteinanders in Gruppen ist. Ebenso erörtern sie die Chance, in Gruppen Perspektiven anderer Menschen wahrnehmen zu können und nachzuempfinden, sprich die Fähigkeit zur Mentalisierung. Doch auch die Gefahr destruktiver Prozesse in Gruppen lassen Kerschgens und Schubert nicht außer Acht. Nachvollziehbar skizzieren sie, wie die Gruppenleitung zum Gelingen konstruktiver Gruppenprozesse beitragen kann.

Dazu dient auch das dritte Fallbeispiel »Die bevorstehende Klassenfahrt«, das gruppenanalytische Perspektiven zum Verstehen der Szene einnimmt. Das notwendige Sensorium der Gruppenleitung zur Wahrnehmung und Einschätzung der Situation wird deutlich, um zu verhindern, dass konflikthafte Dynamiken ins Destruktive abgleiten. So können Phasen von Aggression und Destruktivität kreativ bewältigt werden und Gefühle von Gruppenzugehörigkeit gestärkt werden. In diesem Kontext spielt die Fähigkeit der Selbstreflexion der Lehrkräfte eine besondere Rolle.

Die Besonderheit des Buches von Kerschgens und Schubert liegt für mich darin, dass die Autorinnen fokussiert auf den Schauplatz Schule in soziologische, entwicklungspsychologische und gruppenanalytische Theorien zu der Thematik einführen und vielfältige Verbindungen zwischen den Perspektiven herstellen. Es ist beeindruckend, mit welcher Sachkenntnis und Präzision die Autorinnen die unterschiedlichen theoretischen Ansätze in wenigen Sätzen umreißen und zueinander in Beziehung setzen.

Für alle in Schule und Jugendarbeit Tätigen kann das vorliegende Buch äußerst hilfreich sein, vermittelt es doch Lehrpersonen, Sozialarbeiter*innen und Pädagog*innen eine Verstehensperspektive, die im alltäglichen Handlungsdruck leicht untergeht. Es zeigt allen im Rahmen von Schule Tätigen vielfältige Zugänge zum Verstehen und mögliche Handlungsperspektiven auf. Dabei lassen sich einzelne Kapitel des Buches durchaus getrennt voneinander lesen und auf eigene berufliche Situationen beziehen.

Die Fallbeispiele auch in Verbindung mit ausgewählten theoretischen Kapiteln eignen sich ausgesprochen gut für die Arbeit mit Lehramtsstudierenden zur Heranführung an ihre künftige berufliche Praxis.

Alle in schulischen Feldern Tätige können gerade durch die Verbindung von Theorie und detaillierten Fallbeispielen ihre eigenen Zugänge zum Verstehen finden, ihre Selbstreflexion entwickeln, und damit ihre berufliche und persönliche Kompetenz stärken.

Angela Schmidt-Bernhardt