Jahrbuch für Psychoanalytische Pädagogik • Band 32 (2026), 241–250
https://doi.org/10.30820/0938-183X-2026-32-241
https://jahrbuch-psychoanalytische-paedagogik.de »Mein Wunsch wäre der eine oder der andere Gedanke, wenn der mich überlebt, dann ist es gut gewesen.«(Haubl 2014a)
Wir trauern um unseren Freund, Kollegen und Hochschullehrer Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, der am 24.05.2025 im Alter von 73 Jahren verstorben ist. Von 2002 bis 2016 war er (Co-)Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts und zugleich von 2003 bis 2014 Professor für Soziologie und Psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe Universität Frankfurt/Main. Mit seinem über mehr als vier Jahrzehnte entfalteten wissenschaftlichen Gesamtwerk und akademischen Engagement hat Rolf Haubl einen einzigartigen Beitrag zur Weiterentwicklung der psychoanalytischen Sozialpsychologie in Deutschland geleistet und den (trans-)disziplinären Fachdiskurs wie die institutionelle Praxis gleichermaßen geprägt und bis heute inspiriert.
Geboren wurde Rolf am 01.07.1951 in Frankfurt am Main. Aufgewachsen ist er im Arbeiterstadtteil Griesheim.
»Es war einmal ein Knabe, der sollte etwas Besonderes werden. Er lebte mit Eltern und Großeltern am äußersten Rand einer entfernten Stadt. Er liebte seine Großmutter über alles, denn sie machte nie viel Worte. Und die Großmutter liebte ihn wie sonst nichts auf der Welt, denn er verstand sie auch so« (Haubl 1984, S. 95).Als Kind und Jugendlicher war Rolf von Leonardo Da Vinci als Universalgelehrten fasziniert. Schon in der Oberstufe auf der Leibnizschule Schule in Frankfurt-Höchst hat er Ausflüge in Seminare von Adorno und Habermas unternommen (vgl. Brehm & Haubl 2018) und im Alleingang die Frankfurter Stadtschulmeisterschaft in Leichtathletik gewonnen (vgl. Haubl 2008, S. 207). Nach seinem Abitur 1971 hat Rolf in Gießen unter anderem Germanistik und Psychologie studiert. Währenddessen engagierte er sich bereits als junger Student mit Überzeugung im Aufbau des Programms der Volkshochschule Höchst, wo er leidenschaftlich außeruniversitärer Erwachsenenbildung nachging. Angetrieben wurde er dabei auch vor dem Hintergrund seiner nicht-akademischen Herkunft von einer gewissen Grundskepsis gegenüber Ausdrucksformen, die sich verdächtig machen, mehr im Dienste der Distinktion als der Wissensvermittlung zu stehen und Ausschlüsse zu produzieren.
In den 1970er und 1980er Jahren war Rolf Haubl zudem Mitglied einer Gruppe von Kunstschaffenden in Gießen, geprägt von einer antibürgerlichen Atmosphäre, die maßgeblich von Surrealismus und der Psychoanalyse beeinflusst war. Werke von ihm aus dieser Zeit waren 2023 in einer Ausstellung zu sehen, die Rolf Haubl und ich (A. B.) gemeinsam organisiert hatten (siehe dazu Brehm & Haubl 2024). In seinem Germanistik- und Psychologiestudium hatte er die Themen aufgegriffen, die in jenen ästhetischen Versuchen angelegt waren – beispielsweise die Bedeutung von Emotionalität, Verrücktheit, Gewalt und die sozialpsychologischen Dynamiken der Studentenbewegung. Auch später beantwortete Rolf in seinen Schriften die Frage, ob Ästhetisches bedeutend sein kann für Politik und Gesellschaft durch die Bezugnahme auf Gegenstände aus Literatur und Kunstgeschichte (z. B. Haubl 2006a) immer wieder mit ja.
Nach seiner ersten Dissertation in Germanistik 1981 zur Gesprächsverfahrenanalyse, die er als »Beitrag zur sprachwissenschaftlichen Sozialforschung« verstand, ging er Anfang der 1980er Jahre als akademischer Rat mit Hans A. Hartmann an die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät der Universität Augsburg, wo er unter anderem den Aufbau eines Studiengangs zur psychologisch inspirierten Ökonomie entscheidend mit verantwortete. Während dieser Zeit begann er seine zehnjährige Lehranalyse bei Samir Stephanos und beteiligte sich bereits maßgeblich an der Weiterentwicklung der Gruppenanalyse in Deutschland.
In seiner zweibändigen Habilitation 1991 in Psychologie nahm er mit der Kulturgeschichte des Spiegels ein zentrales Thema seines Werkes – die Reflexion bzw. Reflexivität – auf. Dabei fungierten Psycho- und gruppenanalytische Bezüge als unverzichtbare Analyse und Erkenntnisperspektive, die einen systematischen und kritisch-reflektierenden Blick auf die machtvollen Dynamiken der sozialen Produktion von Unbewusstheit ermöglichten. Ab 1992 wirkte er am Aufbau verschiedener gruppenanalytischer Weiterbildungsangebote an der Münchner Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie mit, 1993 schloss er seine Ausbildung zum Gruppenanalytiker und Gruppenlehranalytiker (AG/DAGG, später D3G) ab und war ab 2001 Supervisor in der DGSV. Später arbeitete er auch als Organisationsberater und Lehrsupervisor.
Zehn Jahre nach seiner Habilitation erhielt er schließlich den Ruf nach Frankfurt. Mit Antritt seiner Stelle stand er vor der Aufgabe der Konsolidierung des zu Beginn der 2000er Jahre in einer tiefen Krise befindlichen Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, die er zusammen mit Marianne Leuzinger-Bohleber bewältigte.
Rolf praktizierte ein collagierendes Denken. Das Grundprinzip der Collage ist die Verarbeitung von Dingen, die »eigentlich« nicht zusammengehören. Er war ein »Bunter« deren geringe Verbreitung im akademischen Betrieb er beklagte:
»Mich hat nie jemand gezwungen zu denken, wie er oder sie denkt. Daraus ist eine bestimmte, vorhin habe ich gesagt ›Wildheit‹, eine bestimme Unsystematik erwachsen, eine Vorliebe für den schrägen Gedanken, dafür, das Unwahrscheinliche für das Wahrscheinliche zu halten […] die einen sind zu Systemdenkern geworden und die anderen sind zu Empiristen geworden. […] Was mir an der Uni immer gefehlt hat, ist die Lust am Denken. Akademiker sind eine merkwürdige Spezies, mit Achtstundentag und Stechuhr« (Brehm & Haubl 2018, S. 268).Ihn hat ausgezeichnet, dass er stets undogmatisch war, auch in disziplinärer Hinsicht. Wohl wissend, dass disziplinäre Grenzen allzu häufig als »Festungswalle« (Elias) missbraucht werden. Es ist weder ein kohärentes Forschungsprogramm im Sinne von Imre Lakatos, das Rolf Haubl entwickelt hat, noch ein eklektizistisches »anything goes« à la Paul Feyerabend, sondern eine – stets tentative – Suche nach der Beantwortung der Frage der Vermittlung von Gesellschaft und Subjekt. Die Liste von ihm über die Jahre selbst genannter Forschungsschwerpunkte ist lang und lässt sich hier in ihrer Ausführlichkeit nicht abbilden. Emotionsforschung, Gruppensoziologie- und -psychologie, Psychoanalyse alltagsökonomischer Sachverhalte (wie der Psychodynamik des Geldes), Krankheit und Gesellschaft, Beratungs- und Organisationsforschung sowie die Methodologie und Methodik psychoanalytischer Sozialforschung bilden dabei einige Eckpfeiler. Noch länger würde eine Liste, die alle Themen, die in seiner mehr als 20 Seiten umfassenden Publikationsliste aufscheinen, nennen wollte. Bereits in seiner Habilitation spiegelte sich wider, als was sich sein Gesamtwerk verstehen lässt: als eine Schatzkiste. Egal mit welchem Thema man sich beschäftigt, es lohnt immer ein Blick in sein Publikationsverzeichnis, um nachzusehen, ob Rolf Haubl dazu etwas geschrieben hat. Im Kontext seiner Beschäftigung mit Emotionen hat ihn nicht nur der Neid interessiert, wenngleich sein Buch Neidisch sind immer nur die anderen (Haubl 2001) wohl zu einem seiner bekanntesten Werke zählt, sondern auch die Liebe (z. B. Haubl 2005) und das Glück (z. B. Haubl 2007a). Er war geprägt von einem analytischen Blick auf das Leben und die Beziehungen der Menschen untereinander. Am Einzelfall konnte Rolf Haubl die Vielschichtigkeit kultureller und sozialer Phänomene, auch in ihrem historischen Geworden Sein, auffächern. Das Magische und Schöne in der Welt prägten sein Leben und Werk gleichermaßen, wie in seinen künstlerischen Arbeiten ebenso wie in seinem Sprach- und Schreibstil sichtbar wurde.
»Nicht das Wechselspiel von Deduktion und Induktion schafft neue Sichtweisen, sondern Assoziation und Abduktion. Abduktion hat mehr mit Mut zu tun als mit den traditionellen wissenschaftstheoretischen Schwertern. Mut, weil man von dem Wissen aus, das man in sich getragen hat, mit einem großen Tigersprung eine neue Hypothese oder Einsicht zu formulieren wagt. Mut, weil man sich auf dünnes Eis begibt und permanent eines Besseren belehrt werden kann. Zum Mut gehört auch, sich belehren zu lassen, dass man in eine Sackgasse geraten ist. Es ist aber erstrebenswert, sich eines Besseren belehren zu lassen: durch andere Leute, durch Beobachtungen, eben durch die reichhaltige Menge der Informationen, die man so mitkriegt« (Brehm & Haubl 2018, S. 267f.).In Diskussionen nahm Rolf sein Gegenüber und dessen Argumente stets ernst, unterschied nicht aufgrund von akademischem Hintergrund oder Seniorität. Das wurde von Praxispartner*innen ebenso wie Studierenden und Promovierenden im Kontext seiner Nachwuchsförderung als etwas Außergewöhnliches wahrgenommen. Auch darin spiegelt sich Rolfs unprätentiöse Art, die zwischen anarchistischem Engagement und ironischer Melancholie changierte und sich den Anforderungen des akademischen Betriebs, der zunehmend nach narzisstischen Persönlichkeitsperformances ruft, entzog.
Für diesen Nachruf im Kontext der psychoanalytischen Pädagogik lassen sich Projekte zu Themen wie triangulierten Gesprächen in der Schule, ADHS und hochbegabten Kindern hervorheben. Über meine (M. G.) Mitwirkung in dem im Jahr 2003 begonnenen Präventionsprojekt des Sigmund-Freud-Instituts zur psychosozialen Integration von verhaltensauffälligen Kindern (insbesondere von ADHS) im Kindergartenalter unter der Leitung von Marianne Leuzinger-Bohleber kam ich in engeren Kontakt mit Rolf Haubl, der mich wiederum einlud, in das kurz darauf gemeinsam mit Katharina Liebsch partizipativ konzipierte Projekt Mit Ritalin leben. Zur Bedeutung der AD[H]S-Medikation für die betroffenen Kinder einzusteigen. Eine der überzeugendsten Erkenntnisse war, dass die ausgewählten Kinder hoch konzentriert an den beinahe zwei Stunden dauernden Interviews teilnahmen, obwohl sie nach klassischer neurowissenschaftlicher Lesart dazu gar nicht in der Lage hätte sein dürfen. Dem Thema der Hochbegabung im Projekt mit Gabriele Weigand und Timo Hoyer begegnete er zunächst skeptisch. Dieser Skepsis gegenüber insbesondere der Betonung der notwendigen Förderung kognitiver Fähigkeiten hat er jedoch die Wichtigkeit von Sozioemotionalität, von Bindung und Begabung hervorgehoben (Haubl 2014b).
Die Bedeutung von pädagogischen Beziehungen für den eigenen Lebensverlauf erlebte Rolf Haubl selbst auf eindrückliche Weise. Als er in der sechsten Klasse auf dem Gymnasium sitzen geblieben war »und alles schon aussah, als würde aus mir gar Nichts mehr werden« (Brehm & Haubl 2018, S. 273), wie Rolf mir (A. B.) erzählte, stand sein damaliger Religionslehrer vor der Tür, ging mit ihm spazieren und verlangte ihm das Versprechen ab, das aus ihm doch etwas werden würde. Das »begabte Kind« konnte schließlich sein Abitur sehr gut abschließen und mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes in sein Studium starten. Er hatte selbst erfahren, wie wichtig es ist, ein gutes Gegenüber in der Welt zu finden und zu sein. Etwas, das er weitergegeben hat und das sein generatives Handeln prägte wie bei kaum jemand anderem. Donald W. Winnicott bezeichnete er als »genialen Analytiker« und nahm vielfach Bezug auf ihn.
»Nur Menschen, die von früh an die Erfahrung gemacht haben, dass sie sicher gebunden sind, dass sie auf eine Welt getroffen sind, die sie erwartet hat, die auf eine Welt getroffen sind, wo die Eltern und die anderen Erwachsenen in der Lage waren, die eigenen Bedürfnisse adäquat zu verstehen und zu befriedigen, nur dann entsteht eine Sicherheit, die es mir erlaubt, in die Welt hinaus zu gehen, die Welt zu explorieren, mir die Welt anzugucken, auch Risiken einzugehen« (Haubl 2010, o. S.).Rolf selbst nannte in diesem Kontext immer wieder seine geliebte Großmutter als ein solches gutes inneres Objekt (vgl. ebd.). Gleichzeitig betonte er die Bedeutung des weiteren Lebensverlaufs, in dem auch diejenigen, denen solche guten Gegenüber als Kind nicht zur Verfügung standen, auf Menschen und Erlebnisse hoffen können, die jene zentralen Beziehungserfahrungen, nicht nur in therapeutischen Settings, ermöglichen.
»Wir reisen durch die Welt und treffen auf eine Person, die in irgendeiner Weise uns besonders anspricht – früher hat man mal gesagt, man trifft auf jemanden, der einem seelenverwandt erscheint. Und das ist so eine Formulierung von Übereinstimmung, von Gleichklang in der Welt, der ein Stück weit solche frühkindlich nicht gemachten Erfahrungen ersetzen kann« (ebd.).Menschen, wie der Religionslehrer, Freundschaften, Liebesbeziehungen, Patchwork-Konstellationen und Wahlverwandtschaften, die ihm zufolge bedeutsamer werden können als Blutsverwandtschaften (vgl. Haubl 2014a, o. S.). Rolf selbst hat viele innere Bilder hinterlassen, hat inspiriert und sich als gutes Gegenüber zur Verfügung gestellt – als Lehrer, als guter Freund, als ein warmherziger Mensch mit einem besonderen Humor, auf den man zählen und mit dem man vortrefflich diskutieren konnte.
Mit Blick auf die Publikationen in seinem Regal fragte er in den letzten Jahren häufig bilanzierend: wozu das alles? War es das wert? Hat es genug bewirkt? Kann Sozialforschung das überhaupt – etwas für die Menschheit nachhaltig Wichtiges »bewirken« oder hätte ich mich besser in Mathe anstrengen sollen, um naturwissenschaftlich forschen zu können? Es gibt kaum ein Thema, zu dem Rolf nichts zu sagen hatte. Aber woran misst man das, dieses »Bewirken«? An einer vielzitierten Theorie, die mit dem eigenen Namen verbunden ist? Wohl kaum.
»Und das Wichtige dabei, glaube ich, ist, das Gefühl zu haben, eben einen Beitrag dazu geleistet zu haben, dass es nicht schlechter, sondern besser wird« (Haubl 2010, o. S.).Programmatisch vermittelt als kritische Gesellschaftswissenschaft weist Rolf Haubls Gesamtwerk weit über das universitäre Feld hinaus, zielt auf eine kritische Bewusstmachung der psychosozialen Dynamiken subjektiven Leidens und eine reflektierte Veränderung sozialer Wirklichkeit in der besten Tradition aufklärerischen Denkens Kritischer Theorie.
Was viel schwerer wiegt als die Verknüpfung von Namen mit Werken sind die vielen kleinen und großen Spuren in der Welt, die er durch sein Tun und Forschen hinterlassen hat – in den Leben der Forschungspartner*innen, bei denjenigen, mit denen seine Studierenden später in der Praxis zusammengearbeitet haben. In den Gruppen, in die er sein Wissen eingebracht hat und all den Klient*innen und Patient*innen derjenigen, für die er als Gruppenlehranalytiker und Gruppensupervisor gewirkt hat. Nicht erst nach seinem Tod, sondern auch davor hat die Erwähnung von Rolf bei früheren Weggefährt*innen stets eine besondere Reaktion ausgelöst. Eine Begeisterung, ein Funken der über die frühere gemeinsame Arbeit hinaus ins heute strahlt.
Gesellschaftspolitische Wirkung zeitigte seine Arbeit jenseits wissenschaftlicher Institutionen bspw. in der engagierten Ausbildung von angehenden Lehrer*innen, partizipativ aufgesetzten Forschungsprojekten, dem Bemühen um Institutionalisierung der Gruppenanalyse in der Ukraine nach deren Unabhängigkeit in den 1990er Jahren und der Mitgründung der D3G, der Deutschen Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie. Die gruppenanalytische Fundierung scheint wesentlich für eine psychoanalytische Sozialpsychologie, die sich weniger mit individuellen Psychopathologien und auf vom Gesellschaftlichen unabhängig (miss-)verstandene Subjekte beschäftigt, sondern die (bewussten wie vor allem auch unbewussten/unbewusst gemachten) sozialen – und das heißt ja nicht zuletzt: gruppenbezogenen – Dynamiken des Denkens, Fühlens und Handelns avisiert.
Auch die Medizinsoziologie zählte zu Rolf Haubls Interessensgebieten, verbunden mit der Frage nach dem Umgang der Menschen mit Leid.
»Und womöglich ist Leiden eine besondere Erkenntnisform, weil ich erst dann bestimmte Dinge wahrnehme, annehme, erkenne, anerkenne, wenn es mir Leiden macht. Das ist, wenn man so will, die philosophische Seite meiner Arbeiten zur Medizinsoziologie« (Brehm & Haubl 2018, S. 275).Bald nach seinem Abschied aus dem SFI 2016 wurde er mit der Parkinson Diagnose konfrontiert. Ein Schicksal, das er im Übrigen nicht nur mit dem im vergangenen Jahr verstorbenen Oskar Negt, sondern auch mit einem seiner Vorgänger am SFI, Alexander Mitscherlich, teilte. Leider hat es sich nicht mehr ergeben, dass Rolf in diesem Sinne zu seiner eigenen Erkrankung forschen und schreiben konnte – es hätte jedoch ganz seinem Ratschlag entsprochen hinsichtlich der Suche nach Forschungsthemen bei sich selbst zu beginnen, bei den Dingen, die einen, auch aus biografischen Gründen, umtreiben.
Ich (A. B.) durfte Rolf Haubl in vielen Kontexten erleben. Als Hochschullehrer, als Direktor des SFI in verschiedenen Projekten, bei Tagungen und Publikationen, bei denen ich ihm zuarbeitete, als Künstler, in dem immer noch der Funken des jungen Rebellen wohnte, als wir seine Ausstellung vorbereitet haben, als Mentor, der mir seit meinem ersten Seminar bei ihm zur Psychoanalyse der Schule in meinem akademischen Werdegang stets mit Rat und Tat zur Seite stand und nicht zuletzt als guten Freund beim Sprechen über Gott und die Welt, über alles, was uns bewegt, gemeinsam auf dem Balkon die Eichhörnchen im Baum beobachtend, der nie aufhören wird mir schmerzlich zu fehlen.
Immer wieder bin ich (M. G.) Rolf Haubl begegnet. Seine tiefe Überzeugung, Übertragung und Gegenübertragung nicht nur als theoretische und insbesondere klinisch-therapeutische Konzepte, sondern als Ausdruck allgemein gelebter Wirklichkeit zu lesen, schuf eine große Nähe zur Psychoanalytischen Pädagogik. In Aufsätzen wie
– um nur einige markante Beispiele herauszugreifen – wird die interdisziplinäre Verbundenheit zu Themen von Pädagogik und Sozialer Arbeit prägnant sichtbar. Gemeinsam mit Hans-Jürgen Wirth gab Rolf Haubl 2019 den Sammelband Grenzerfahrungen. Migration, Flucht, Vertreibung und die deutschen Verhältnisse heraus, für den ich selbst einen Text über die Situation traumatisierter minderjähriger Geflüchteter im deutschen Schulsystem verfasst hatte.
Abschließend möchte ich (M. G.) noch erwähnen, dass Rolf und mich die Liebe zum Blues – zum Beispiel in Person von John Lee Hooker – verband. Der Dritte in diesem Bund wäre Alfred Lorenzer gewesen.
Alina Brehm & Manfred Gerspach
Brehm, A. & Haubl, R. (2018). Über Eigenständigkeit, Erfahrung und Erkenntnis. In A. Brehm & J. Kuhlmann (Hrsg.), Reflexion und Erkenntnis. Facetten kritisch-reflexiver Wissensproduktion (S. 265–282). Psychosozial-Verlag.
Brehm, A. & Haubl, R. (2024). Zur Ausstellung von Rolf Haubl auf der letzten GfpS-Jahrestagung. Freie Assoziation, 27(1), 68–77.
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Haubl, R. (1984). Vom Suchen und Finden. In K. Frank (Hrsg.), Hütet den Regenbogen. Neue Märchen aus der Gegenwart (S. 93–98). Edition Pestum.
Haubl, R. (1991). »Unter lauter Spiegelbildern …« Zur Kulturgeschichte des Spiegels. 2 Bände. Stroemfeld/Nexus.
Haubl, R. (2001). Neidisch sind immer nur die anderen. Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein. Beck.
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Haubl, R. (2014a). Lebensspuren – Was bleibt von mir nach meinem Tod? Diskussion mit Andreas Stopp, Saskia Wendel, Rolf Haubl und Hanna Roth. Deutschlandfunk, 21.11.2014.
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Haubl, R., Dammasch, F. & Krebs, H. (Hrsg.). (2009). Riskante Kindheit. Psychoanalyse und Bildungsprozesse (Schriften des Sigmund-Freud-Instituts, Reihe 3: Psychoanalytische Sozialpsychologie, Bd. 4). Vandenhoeck & Ruprecht.
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